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Tschüs, Volksbühne. Der Abschied vom Castorf-Team fällt umso schwerer, als vor ein paar Jahren schon das Gorki-Theater an den Zeitgeist verloren ging.

Danke für “der die mann“ (großartig! großartig!), „Murmel, Murmel“, „Die Kabale der Scheinheiligen“, „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, „Keiner findet sich schön“, „Volksbühnen-Diskurs“, „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“, „Pfusch“, „Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc.“, „Faust“. Oder, länger zurückliegend: „Der Meister und Margarita“, „Die Schneekönigin“. Für „Der Spieler“, „Die Brüder Karamasow“ und „Ein schwaches Herz“ fehlte mir das Sitzfleisch, aber meine Frau und Gefährtin war hingerissen.

Danke an den Intendanten, die Regisseure und die Schauspieler. An Dramaturgie, Kostüm, Licht, Bühnenbild.

Das Publikum erhebt sich geschlossen von Parkett bis Rang und applaudiert den letzten Vorstellungen im Versuch, den Moment verweilen zu lassen.

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Das Wochenmagazin Die Zeit hat Leser mit unterschiedlichen politischen Ansichten zusammengebracht, damit sie miteinander ins Gespräch kommen: „Deutschland spricht“. Ein Artikel aus der Tastatur des Leiters der Online-Redaktion der Zeitschrift Jochen Wegner illustriert, was immer noch schiefläuft in der Diskussion zwischen den Deutschländern.

Wegner trifft sich mit Mirko (kann ja nicht jeder Ronny heißen) und spricht mit ihm unter anderem über Flüchtlinge. „Oder, wie wir im Prenzlauer Berg sagen, Geflüchtete.“ Ist das Hybris, Satire, Zynismus? Prenzlauer Berg, der gentrifizierte Ostberliner Stadtbezirk, den viele Alteingesessene verlassen mussten, weil sie nach Luxussanierungen weder die Eigentumswohnungen kaufen noch die höheren Mieten zahlen konnten oder wollten? Der Artikel hat mich an eine Zeichnung des Karikaturisten OL aus seiner witzigen Prenzelberg-Serie „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ erinnert.  Dort fragt eine der titelgebenden Mütter eine andere Frau auf der Straße erstaunt: „Ach, Sie kommen aus Ostberlin? Wen wollen Sie denn hier besuchen?“ Ähnlich erstaunt betrachtet der Zeit-Journalist seinen Gesprächspartner und stellt überrascht fest, dass sie in manchem einer Meinung sind. Sind sie nicht putzig, diese Eingeborenen? Immerhin erkennt Wegner, dass er sich in einer Filterblase bewegt.

Kommentieren konnte ich den Beitrag auf der Zeit-Plattform übrigens nicht. Oder doch, nur veröffentlicht wurde der Kommentar nicht.  Vielleicht hätte ich bei der Anmeldung keine russische Mailadresse angeben sollen. Wobei mir einfällt, dass Wladimir Wladimirowitsch mit seinen Zahlungen an mich ganz schön im Rückstand ist. Wofür tue ich das alles hier überhaupt?

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Am 22. Juni vor 75 Jahren hat Deutschland die Sowjetunion angegriffen.  Das ZDF thematisierte den Überfall gestern  am Ende seiner Sendung heute-Journal. Die Sprecherin: Der Krieg habe “27 Millionen Sowjets” das Leben gekostet.

Sowjets! Der Lerchenberg ist offenbar immer noch oder schon wieder im kalten Krieg.   Tote Soldaten und Zivilisten als Sowjets zu bezeichen ist geschmacklos und herabwürdigend und die Verlängerung eines alten Feindbildes. Oder ist vorstellbar, dass ein Nachrichtensprecher der Öffentlich-Rechtlichen in einem ähnlichen Beitrag über die Weltkriegstoten der USA von “400.000 toten Amis” spricht?

  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Solidarität untereinander, keine Ellenbogen-Mentalität, keine Arbeitslosigkeit, keine Angst um den Arbeitsplatz, Hilfsbereitschaft, kostenloses Gesundheitssystem, kostenloses Studieren, bezahlter Hausarbeitstag
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    an meine Arbeit und an meine gesellschaftlichen Tätigkeiten
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    marode Altbauten, Untertanengeist gegenüber der Staats- und Parteiführung, lange Wartezeiten bei Wohnungen, Autos und anderen „Luxus“-Gegenständen, kein Telefon
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    kontinuierlich und erfolgreich
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Leitung einer Betriebsarbeitsgemeinschaft Philatelie, stellv. Kreisvorsitzender Philatelie im Kulturbund, Leitung einer Schul-Arbeitsgemeinschaft „Junge Briefmarkensammler“
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Wilhelm Pieck – gesamtes Leben für eine gute Sache
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Elternhaus, politische Erziehung
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    ja, gleichberechtigter; die Frauen waren selbstbewusster.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Ich wusste aus meiner politischen Bildung, was auf uns zukommen wird. Für mich war das auch „Wahnsinn“, aber im negativen Sinne. Ich wollte kein „Bundi“ werden, obwohl ich nicht privilegiert war. Die DDR war meine Heimat.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Ich lebe gut, aber auf Kosten armer Länder. Deutschland ist wieder großkotzig und meint, in der Welt militärisch mitmischen zu müssen. Unsere Regierungen belügen mich immer mehr und sind eigentlich nur noch Statisten der Wirtschaft. Ich lebe in einer Diktatur des Geldes.

Und falls Sie noch Ihren Lieblings-Ostwitz loswerden wollen: nur zu.

Ein DDR-Deutscher und ein Russe finden an der Lena einen Klumpen Gold. Sagt der Russe: „Au fein, wir werden brüderlich teilen.“ Meint der DDR-Deutsche: „Nichts da, halbe-halbe und nicht anders.“

Torsten Preußing war beim Rundfunksender Stimme der DDR Reporter, Redakteur, Kommentator und Moderator in der Redaktion Bunte Welle. Er stellt dem Blog “Auf Achse für die Solidarität  zur Verfügung”, Auszüge aus seinen Erinnerungen an die  Zeit beim Rundfunk . Vollständig erschienen sind sie im Buch “Spurensicherung III, Leben in der DDR”, GNN-Verlag Schkeuditz.  Vielen Dank für die Einblicke in das Berufsleben und die Zeit!

“Der Traum vom Radio

Ungelogen: Seit meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Rundfunkreporter werden. Allerdings blieb meine Mutter zeitlebens der Meinung, dass die liebe Verwandtschaft mir “diesen Floh ins Ohr” gesetzt hätte, weil sie sich davon versprach, das kindliche Plappermaul auch endlich einmal abschalten zu können.

Immerhin war aber in meiner Familie das Ein- und Ausschalten von Radioapparaten so selbstverständlich wie heute das Zappen mit der Fernbedienung durch Dutzende von Fernsehkanälen. In der Mitte der 50er Jahre, dazu in Hennigsdorf bei Berlin, konnte das jedoch nicht jeder von sich behaupten. Und wie meistens besonders die Dinge des Lebens die größte Anziehungskraft entfalten, die am weitesten entfernt oder am wenigsten erschwinglich erscheinen, so zog dieses faszinierende Funk-Medium auch mich in seinen Bann. Ja, noch heute lässt mich der Gedanke immer wieder staunen: “Die ganze Luft ist ja voller Radio!”

Im Vergleich aber zum aktuellen Gedränge, Geschiebe und dem mitunter heillosen Geschubse im Äther mag dieser Ausruf vielleicht übertrieben klingen. Schließlich gab es seinerzeit der Sender noch nicht allzu viele. Mein “Radiomenü” beispielsweise bestand aus dem Deutschlandsender, aus Radio DDR und dem Berliner Rundfunk. Hinzu kamen (abgeschirmt mit Kopf- und Sofakissen) RIAS Berlin, Sender Freies Berlin, der amerikanische Soldatensender AFN sowie gelegentlich auf schwankenden Mittelwellen der DDR-gestützte Freiheitssender 904 der westdeutschen KPD. Aber allein diese Stationsnamen sagen wohl nicht nur dem Insider, welche Antennenstürme solch eine “himmlische” Konstellation auszulösen vermocht hatte. Es wurde gefunkt, was das Zeug hielt, hin und zurück, kreuz und quer, auf dass die Drähte glühten und die Funken stiebten. Die Gründe dafür seien einmal zurückgestellt, sie sind auch hinreichend bekannt. Die “stürmische Anteilnahme” des Publikums ebenso.

In dieses Getümmel mich hineinstürzen zu können und einen hörbaren Teil von mir einzubringen, sollte gleichermaßen Ziel und Motivationsgrundlage während meiner gesamten Schulzeit bleiben. Und als an deren Ende, kurz vor den letzten Abiturprüfungen, ein kleiner Brief mich aufforderte, an einem Frühsommertag des Jahres 1965 beim Deutschlandsender im Funkhaus Nalepastraße von Berlin-Oberschöneweide vorzusprechen, “zwecks Aufnahme eines Volontariats”, da war es an mir, ungläubig aus der Wäsche zu gucken. Wie viel Unkenrufe hatten mich begleitet: “Willst wohl was Besseres werden?” Die zweifelnde Ungewissheit war nach recht eigenartigen Aufnahmeprüfungsgesprächen an der Karl-Marx-Universität Leipzig nicht unbedingt gewichen, und selbst die eigene Familie mit Tanten und Onkeln, denen mehr als die Volksschulabschlüsse der Vorkriegszeit nicht vergönnt waren, sah inzwischen statt spöttisch einigermaßen skeptisch auf das “Küken”, das zum vermeintlichen Höhenflug ansetzen wollte. Andererseits wurden die meisten meiner Verwandten aber auch von einem ungemeinen Stolz getragen, der in der traditionsreichen Hennigsdorfer Arbeiterbewegung wurzelte. Und aus ihr waren sie erwachsen. Nicht wenig hatten sie dabei mitgemacht. Vom bewaffneten Widerstand gegen den Kapp-Putsch über den Hundert-Tage-Streik der Stahlwerker bis zu Faschismus und Krieg. Auch der Siebzehnte Juni war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch solange die Sippe auch zurückdachte, auf eine höhere Schule war weder einer aus der mütterlichen noch jemand aus der väterlichen Linie verschlagen worden. “Und jetzt ausgerechnet dieser Schlaks”, womit mein Onkel Alfred, dem die Gestapo sämtliche Zähne ausgeschlagen hatte, mich meinte. “Willste etwa ‘n zweeter Oertel werden?”

Wenn in jenen Zeiten jemand von außen auf den Rundfunk schaute oder – vor allem – hörte, ohne dessen Inneres zu kennen, dann waren für ihn gewiss die Sportreporter die Könige der Ätherwellen. Auf anscheinend unversiegbare Wortschätze und sicherlich auch riesige Lungenflügel gestützt, übertrugen sie, scheinbar fast ohne Luft zu holen, atemberaubende “Hörbilder” aus fernen Wettkampfarenen, die den Eindruck vermittelten, man wäre unmittelbar dabei und sähe förmlich, wie sich z. B. der Linksaußen durch die vielbeinige Abwehr dribbelte, um dem Mittelstürmer das Leder auf den Kopf zu zirkeln, der es dann mit eisenhartem Schädel unter die Querlatte hämmerte.

Auch heute noch ziehe ich vor diesen Reportern tief meinen Hut. Nur mit einem, weiland an einer langen “Strippe” hängenden, Mikrofon in der Hand doch mit heißem Herzen auf der Zunge erreichten sie fast jedes Wohnzimmer und ließen dort mit treffenden Worten und tollkühnen Metaphern unmittelbar lebendig werden, was andernorts augenblicklich geschah. Im DDR-Hörfunk wurde diese Gilde von Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel und eben Heinz Florian Oertel angeführt. Nannte man aber Eberhardt, Hempel, Homrighausen, Knobloch, Kohse u. a. in der Abfolge der Jahre nicht einmal unzutreffend die Könige, dann musste man Oertel neidlos den Thron eines Kaisers der Hörfunksportreportage zugestehen – zumindest was seinen Popularitätsgrad betraf. Und ich gestehe freimütig: Ihm nachzueifern, war gewiss der kleinste Antrieb nicht, der mich meinen Berufsweg gehen ließ. Außerdem war da natürlich auch der Traum, irgendwann – den Sportreportern gleich – die weite, aber hierzulande fast unerreichbare, Welt unter die Füße nehmen zu können …”

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70 Jahre deutscher Geschichte in altersweiser Betrachtung

L’art pour l’art? Nein, Kunst um der Kunst willen ist nicht das Prinzip des Stephan Heym (1913–2001). Er hat sich eingemischt mit seinen Romanen und Artikeln, hat Anstöße gegeben und Anstoß erregt – sogar über seinen Tod hinaus: Der Friedhof bestand darauf, den Grabstein entsprechend den eigenen Vorschriften und entgegen des testamentarischen Wunsches zu gestalten; schließlich wurde ein Kompromiss gefunden.

Heym, 1913 als Sohn eine jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren, flog 1931 wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium und floh vor der Pogromstimmung nach Berlin, wo er studierte und nebenher Artikel für Zeitschriften schreib. Nach Hitlers Machtantritt konnte er über Tschechien in die USA entkommen. Zurück nach Deutschland kehrte Heym als Sergeant der US Army und Mitkämpfer der zweiten Front in der Normandie. Die weitere Vita: Mitglied im PEN Zentrum Ost wie West, Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes, Bücher, Bücher, Bücher (Hostages, Fünf Tage im Juni, Ahasver, Der König David Bericht, Radek, …) Jüdischer Emigrant, Schriftsteller, US-Soldat, Zeitungsmacher, regimekritischer DDRBewohner, Weltbürger, eigenständiger Kopf und moralische Instanz – all das wird deutlich in einer Autobiographie, die in selbstdistanzierter Betrachtung ganz nebenbei 70 Jahre deutscher Geschichte umfasst. Erstmals 1988 erschienen, endet die Autobiographie vor der Wiedervereinigung. Heym war dann ja auch noch Alterspräsident des Deutschen Bundestages – ausgestattet mit einem Direktmandat vom Prenzlauer Berg (vor dessen Schwabisierung). Ein altersweises, beeindruckendes Werk. Gebraucht schon ab 1 Cent erhältlich.

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In Dresden versammeln sich Leute unter einer merkwürdigen Abkürzung und demonstrieren gegen Islamisierung.  Gegendemonstranten ziehen gleichzeitig für Weltoffenheit durch die Straßen. Die Lage ist unübersichtlich, aber die Beißreflexe funktionieren:  “Lügenpresse”, “Rassisten”.

Die einen, eher linken und wenig arrivierten DDR-Bürgerrechtler meinen über Pegida, Jesus hätte gekotzt. Anderen wiederum wird angesichts dieser Meinung übel.  Und aus dem Guckrohr der hessischen Staatskanzlei sieht es so aus, als sei die DDR die Ursache für das Dresdner Allerlei.  Weil keine Ausländer und so.

Dass ausgerechnet in Dresden so viele Unzufriedene auf die Straßen gehen, könnte allerdings tatsächlich etwas mit der DDR zu tun haben. Vielleicht entwickeln Menschen mit Ost-Sozialisation eher eine Allergie dagegen, wenn “meinungsbildende Medien” schwarz-weiße Bilder zeichnen.  Warum es unter all den komplexen Problemen ausgerechnet die Ausländerpolitik ist, gegen die demonstriert wird, erkläre ich mir mit der Hoffnung eines gewieften Organisators auf besonderen Zulauf.  Burkas in der Fußgängerzone sind einfacher vorstellbar als eine neue Familien-, Steuer- oder Rentenpolitik.  Oder was meinen Sie?

Allen Freunden dieses Blogs  wünsche ich ein friedliches, gesundes 2015. Möge das neue Jahr glitzern und funkeln!

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Das Jubiläum des Mauerfalls und die Koalition in Thüringen rücken sie wieder ins Bild, die ehemalige dahingeschiedene für immer verblichene Ex-DDR.  Und mit ihr den Begriff vom Unrechtsstaat.

Wem in der DDR himmelschreiendes Unrecht geschehen ist, der wird die DDR als Unrechtsstaat empfinden. Und alle anderen, die weder Opfer noch Täter waren und versucht haben, das Beste daraus zu machen aus ihrem Hineingeborensein?

Der Begriff Unrechtsstaat wirkt wie  Kampfbegriff.  Damit der bundesdeutsche Rechtsstaat im Vergleich umso heller strahlt, wird ein ganzes halbes Ländle auf ein Wort reduziert.

Oder was meinen Sie?

Dass Leute, denen in der DDR himmelschreiendes Unrecht geschehen ist, die DDR als Unrechtsstaat empfinden – die durchweg wütenden Kommentare zur vorigen Kolumne sind verständlich.
Götz Aly hat trotzdem recht. Der Begriff Unrechtsstaat ist vor allem ein Kampfbegriff. Er hat die akademischen Diskutierstuben erst mit dem Ende der DDR verlassen – damit der bundesdeutsche Rechtsstaat im Vergleich umso heller strahlt, wird ein ganzes halbes Ländle auf ein Wort reduziert. Dabei vergisst man leicht, wie unübersichtlich die politische Landschaft war, als an die Stelle von Nazi-Deutschland etwas Neues treten musste und auch die USA keinesfalls ein Hort lupenreiner Demokraten waren, sondern ein Staat, in dem Gewerkschafter ermordet wurden, während Politik und Polizei beide Auge zugedrückt haben.  Man lese in der Autobiografie Stefan Heyms nach, was ihn aus den Staaten zurück nach Europa getrieben hat.
Die meisten DDRler waren weder Täter noch Opfer. Sie haben versucht, das Beste zu machen aus ihrem Geborensein im Osten Deutschlands und dabei anständig zu bleiben.  Und den allermeisten ist das sogar gelungen. Das auf den Begriff Unrechtsstaat zu reduzieren wäre so, als würde man die alte Bundesrepublik konsequent und immer als halbsouveränen Nachfolgestaat Hitler-Deutschlands deklinieren.
Und wenn sich heute vor allem Westdeutsche fragen, wo sie denn hergekommen sind, die zahlreichen informellen Mitarbeiter des MfS, dann rate ich ihnen, sich doch einfach mal umzuschauen, wer von ihren Kollegen besonders karrieristisch oder besonders manipulierbar ist.
Dazu passt übrigens, dass der Bundesbeauftragte für Stasi-Akten auffordert, man möge ihm mitteilen, welche Person man namentlich der Stasi-Mitarbeit verdächtigt, wenn man Klarheit hinter die Decknamen „seiner“ Spitzel bekommen möchte. Das ist dann natürlich keine Denunziation, sondern im Interesse der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit.

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  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    Auferstanden aus Ruinen (zeitlos schön; mein Handyklingelton), HammerZirkelÄhrenkranz, stinkendes Trabi- Geböller,  Völkerverständigung, VEB Pyrotechnik Silberhütte, Staatsgrenze, Kaufhalle, Solidarität, Salvador Allende in Chile, Sekundärrohstoffe, Altstoff- Sammlung, Intershop, Volkspolizisten- Witze, Braunkohlenhochtemperaturkoks, Ausreiseantrag, Junge Welt, Kollektiv, Rahmbutter, Genossen, EinStrichKeinStrich, Puhdys, Volkseigentum, Pfeffis, eigene Identität, Westfernsehen, mächtig gewaltig!
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    Dass es Tage gab, an denen ich keinen Stasiterror erleiden mußte, wie uns heute von Knabe, Grafe und Co. (v)erklärt wird, Kindheit, Natur, Heranwachsen,  Ich hatte (fast) alles. „Womit bin ich zufrieden“ statt „was könnte ich mir alles leisten“ , Ich hatte Zeit; am 3. Oktober 1990 haben wir sie verloren – zusammen mit der individuellen Freiheit. Aber auch, dass sich etwas ändern mußte.
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    Herumrennen und Anstehen müssen. Beziehungen haben zu müssen, nicht nur, um in die Disco reinzukommen. Ideologische Überfrachtung („Rolle der Bedeutung“). Umweltverpestung. Ordnung durch Unterordnung (heute nicht anders). Gefilzt werden an der ČSSR- Grenze. Bier in grünen Flaschen. Stacheldraht nach innen. Frust über das Benachteiligungsgefühl gegenüber dem, was man im Westen hatte oder vermutete. D-Mark als Schattenwährung und ihre Knechtschaft, Intershop- Sozialismus. Maulhelden und Egoisten, die bei Unzufriedenheit ständig den achsogoldenen Westen bemüht haben.
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg? (– und verläuft weiter?, F.)
    Sozialistischer Gang: Berufsausbildung Facharbeiter. Vom Staatsbürger zum Steuerbürger: Fachschulstudium+ Fachabitur, die Arbeitsverträge werden immer dicker, meine Rechte dabei immer weniger. Arbeitsamt,  Anstellungen und Freelancer. Schließlich vom Global Player geschluckt mit weiterem Freiheitsverlust durch Compliance. Schreibe englische mails mit meinen deutschen Kollegen. Quälende Belastung mit bürokratischem Schwachsinn, der obendrein kaum funktioniert.  Gefahr, kaputtflexibilitiert zu werden.
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Jugendliebe verrissen. Ehrenamtliche Tätigkeit zum Schutz unserer Errungenschaften. Im Sommerurlaub durch den Osten gereist, bis uns die bulgarischen Grenzer von der Türkengrenze hinter Achtopol verscheucht haben. Bier getrunken. Bei Gustav im Misthaus gepennt. Lange Haare gehabt.
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Alle, die zur positiven Identitätsfindung beigetragen haben, Hans Modrow für seinen Anstand beim Ende, Gundermann für seine einmalige Poesie.
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Eigene Ansichten, Mitmenschen, Vorgesetzte, Miststücken.
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    Nicht schlechter als heute.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Interesse, als aber im Vorfeld der Einheit die Bezirksangaben auf unseren Ortseingangsschildern überklebt wurden, wurde ich nachdenklich. Das Loch tat sich auf. Der Westen hat bis heute keine wirkliche Chance. Ich stecke zwar drin, habe aber wieder meine Nische. Na und? Bin stolz auf meine Vita. Unsere Identität nimmt und niemand.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Der real existierende Kapitalismus hat auch nicht gewonnen,  er ist nur übriggeblieben. Von deutschem Boden geht Fortschritt und nicht nur Unheil aus, wenn man mal von den Abenteuern der Bundeswehr absieht. Krämerseelen und ihre Advokaten sind es, die uns im Hintergrund weltweit vernetzt, regieren, auch wenn im Parlament bunte Parteienvielfalt sichtbar ist. Bin nicht bei Facebook und zocke nicht bei Ebay, mein Handy hat nur eine Telefonier- App. Die Würde des globalisierten Menschen ist infolge schamloser Spionage durch Konzerne und Schurkenstaaten verletzt. Deutsche Regierung schaltet gern in den Duckmäuser- Modus, wenn es um die Freunde hinterm Teich und am östlichen Mittelmeer-Ufer geht. Political Correctness hieß früher Parteilichkeit. Gut, dass die FDP raus ist. Wir Ossis haben beides live erlebt und können urteilen. Es gibt kein Zurück. Ansonsten siehe auch Punkt 4.

    Und falls Sie noch Ihren Lieblings-Ostwitz loswerden wollen: nur zu.
    Die Titanic soll gehoben werden. Drei Großmächte (USA, UdSSR und DDR) wollen es gemeinsam versuchen und vereinbaren: Die USA bekommt den Tresor und die Wertsachen, die UdSSR den ganzen Stahl und die DDR die Musikinstrumente der Kapelle, die bis zum Untergang gespielt haben. (Diesen Witz erstmals gehört von einem Prof. am Zentralinstitut für soz. Wirtschaftsführung!)

    Studie über die politische Wirklichkeit unter Lenin, Stalin und Honecker am konkreten Beispiel: Ein Reisezug fährt durch die Landschaft und plötzlich hören die Schienen auf.
    Was tut Lenin: Mobilisiert die Massen und läßt mit vereinten Kräften die Gleise weiterbauen.
    Was tut Stalin: Läßt das gesamte Zugpersonal erschiessen.
    Was tut Honecker: Trommelt die Genossen unter den Passagieren aus dem Zug und läßt sie an den Waggons rütteln.
  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    Mauer, Honecker.
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    Urlaube in Dresden, Berliner Seen und die Ostsee
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    Unterschwellige Repressionen und Verhöre bereits im Schulalter (ich war kein Pionier, meine Eltern christlich engagiert). Frage eine Ferienlagerbetreuers, den ich nicht kannte: “Warum bist du kein Pionier?” Weiß nicht, warum mir dies haften blieb. Im Nachgang weiß man aber, wer den Auftrag zur Spionage gab …
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    Als die Wende kam, war ich erst 12. Ich hatte also bis dahin keinen Werdegang, der systembeeinflusst war. Das hätte sich bei der EOS zu meinem Nachteil ändern können …
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Hab mich mit Freunden getroffen, Fußball gespielt, die ungesicherten Baustellen der Wohngebietsbaustellen erforscht.
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Jeden, der seinen Mund gegen das System aufgemacht hat oder im Untergrund gearbeitet hat und dafür Risiken eingegangen ist. Ich wäre vielleicht ein Mitläufer geworden, für den ich mich dann hassen würde. Hauptsache in Ruhe leben …
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Das Gefühl, nicht frei zu sein. Das klingt bei einem Kind unglaubwürdig, aber man hat Westfernsehen gesehen und empfand es ungerecht, warum die “drüben” die bessere Schokolade, das bessere Spielzeug und Westautos hatten …
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    Ist für mich nicht einschätzbar.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Das beste was mir für meine weitere Entwicklung passieren konnte. Freiheit. Freiheit. Freiheit. Freude. Ende der Diktatur.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Wir haben kein fehlerfreies System, es gibt eine Ellbogengesellschaft. Es ist nicht alles gerecht. Viele Menschen sind Wendehälse und richten sich in den bestehenden Systemen ein und jeder sucht seinen Vorteil. Und das ist, so schlimm es ist, einfach menschlich.
  11. Und trotzdem möchte ich für nichts auf der Welt die DDR zurück oder in einem anderen Land leben. Unser Land ist wunderbar in vielerlei Hinsicht. Mir geht die Ostverklärung gegen den Strich. Es war eine Diktatur. Nichts anderes.

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