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Mit diesem Untertitel hat die Otto-Brenner-Stiftung ihre Studie Die “Flüchtlingskrise” in den Medien veröffentlicht.  Die Studie hat über einen zwanzigwöchigen Zeitraum 30.000 Medienberichte erfasst und 1.700 analysiert.

Im Fokus standen große Printmedien wie FAZ, Süddeutsche und Bild, 80 Lokal- und Regionalblätter sowie reichweitenstarke Online-Medien.  Die Studie gelangt zu dem Ergebnis, dass nicht ausgewogen, sondern elitennah berichtet wurde, Bericht und Kommentar sich vermischt haben, Gegenmeinungen nicht zum Zuge kamen.  Bezogen auf die Welt, die Süddeutsche und die FAZ schreibt die Studie: “Die Akteure, die Beteiligten und Betroffenen kamen in den drei Leitmedien vergleichsweise  selten  im  O-Ton  zu  Wort.”

Das war bei Berichten über das Leben in der DDR nicht anders – einer der Gründe für diesen Blog.

Zur Studie der Otto-Brenner-Stiftung geht es hier. Randnotiz: Die Stiftung wurde 1972 durch die Gewerkschaft IG Metall gegründet. 1997 erhielt sie umgerechnet 14 Millionen Euro aus dem Vermögen der aufgelösten IG Metall der DDR, einer Gewerkschaft innerhalb des FDGB.

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  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    NVA, SED, HO, Konsum, Pionier, Stasi
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    Fahrten ins Kinderferienlager, Westbesuch
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    Jungpioniere, Thälmannpioniere, FDJ, Fahnenappelle, vormilitärische Ausbildung, ZV-Unterricht, Staatsbürgerkundeunterricht, Ausweiskontrollen
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    • Lehre als Offsetdrucker an der BS Rudi Arndt,
    • Offsetdrucker im 3-Schichtsystem in der SED-Bezirksdruckerei Märkische Volksstimme Potsdam,
    • Kündigung, 1 Jahr arbeitslos,
    • danach Kupferdrucker beim Staatlichen Kunsthandel der DDR bis zur Republikflucht
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Gelesen, getrunken, getrampt, Zug und Fahrrad gefahren, Kino, Sex, Schach
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Meinen damaligen Mathelehrer, weil er ein aufrichtiger und geradliniger Pädagoge war.
    Meinen damaligen Zeichenlehrer, weil er mich motivierte, während andere Lehrer uns Schüler schikanierten oder schlichte Opportunisten waren.
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Der Entschluss den Wehrdienst zu verweigern. Die Bekanntschaft mit Wolf Biermann, den ich als Kind oft bei meinen Verwandten traf.
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    Frauen waren unter den  Armen nicht rasiert, Männer auch nicht.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Keine klare.
    Ich war vor Wehrdienst und Staatssicherheit in den Westen geflohen und jetzt tauchten die ostdeutsche Muffigkeit, Rassismus und die Sachsen wieder in meinem Leben auf.
    Schön fand ich das nicht.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Es war das bessere Übel. Die angedachten Alternativen der DDR-Opposition hätten auf Dauer nicht funktioniert.

    Und falls Sie noch Ihren Lieblings-Ostwitz loswerden wollen: nur zu.

    Einer von vielen: Zwei Volkspolizisten stehen vor einer Tür. Auf der Tür steht „Drücken“. Einer macht in die Hose, der andere nicht  – warum?
    Kann nicht lesen.
 

Ein Tagesspiegel-Newsletter stellt Stimme der DDR vor und mir Fragen. Der Tagesspiegel ist eine Zeitung in Berlin.

 

Petra Köpping

  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    Leckermäulchen, Trabi, VEB, LPG
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    An gute Nachbarschaften und hilfsbereite Menschen.
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    An mangelnde Reisefreiheit und alltägliche Gängelung.
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    • geboren 1958 in Nordhausen
    • verheiratet, 3 Kinder
    • Diplom-Staatsrechtswissenschaftlerin
    • Bürgermeisterin von Großpösna (1989-1990, 1994-2001)
    • Außendienstmitarbeiterin der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (1990-1994)
    • Landrätin des Landkreises Leipziger Land (2001-2008)
    • Beraterin der Sächsischen Aufbaubank (2008-2009)
    • Landtagsabgeordnete (seit 2009)
    • Kreisrätin im Kreistag des Landkreises Leipzig (seit 2014)
    • Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration (seit 2014)
    • Parteizugehörigkeit: 1986 bis Juni 1989: SED; Juli 1989 bis Juli 2002: parteilos; seit 1. August 2002: SPD
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Ich habe viel Sport getrieben, war in der Natur unterwegs und habe mich um meine Kinder gekümmert.
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Die einfachen Menschen, die sich untereinander geholfen haben, die verehre  ich.
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Mein Jahr im Bürgermeisteramt in der Gemeinde Großpösna im Wendejahr.
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    Ja. Ich würde sagen, dass die Männer heute charmanter sind.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Auf der einen Seite war da eine große Freude, aber es gab auch Ängste. Wie geht es persönlich und mit unserer Gesellschaft weiter?
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Vieles ist gut gelungen, wenn man sich unsere Dörfer und Städte anschaut, sieht man das ganz deutlich. Was bis heute nicht geschehen ist, ist die Anerkennung der Lebensleistung der Ostdeutschen.

Tschüs, Volksbühne. Der Abschied vom Castorf-Kollektiv fällt umso schwerer, als vor ein paar Jahren schon das Gorki-Theater an den Zeitgeist verloren ging.
Danke für “der die mann“ (großartig! großartig!), „Murmel, Murmel“, „Die Kabale der Scheinheiligen“, „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, „Keiner findet sich schön“, „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“, „Pfusch“, „Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc.“, „Faust“. Oder, länger zurückliegend: „Der Meister und Margarita“, „Die Schneekönigin“. Für „Der Spieler“, „Die Brüder Karamasow“ und „Ein schwaches Herz“ fehlte mir das Sitzfleisch, aber meine Frau und Gefährtin war hingerissen.

Danke an den Intendanten, die Regisseure und die Schauspieler. An Dramaturgie, Kostüm, Licht, Bühnenbild.

Das Publikum erhebt sich geschlossen von Parkett bis Rang und applaudiert den letzten Vorstellungen im Versuch, den Moment verweilen zu lassen.

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Das Wochenmagazin Die Zeit hat Leser mit unterschiedlichen politischen Ansichten zusammengebracht, damit sie miteinander ins Gespräch kommen: „Deutschland spricht“. Ein Artikel aus der Tastatur des Leiters der Online-Redaktion der Zeitschrift Jochen Wegner illustriert, was immer noch schiefläuft in der Diskussion zwischen den Deutschländern.

Wegner trifft sich mit Mirko (kann ja nicht jeder Ronny heißen) und spricht mit ihm unter anderem über Flüchtlinge. „Oder, wie wir im Prenzlauer Berg sagen, Geflüchtete.“ Ist das Hybris, Satire, Zynismus? Prenzlauer Berg, der gentrifizierte Ostberliner Stadtbezirk, den viele Alteingesessene verlassen mussten, weil sie nach Luxussanierungen weder die Eigentumswohnungen kaufen noch die höheren Mieten zahlen konnten oder wollten? Der Artikel hat mich an eine Zeichnung des Karikaturisten OL aus seiner witzigen Prenzelberg-Serie „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ erinnert.  Dort fragt eine der titelgebenden Mütter eine andere Frau auf der Straße erstaunt: „Ach, Sie kommen aus Ostberlin? Wen wollen Sie denn hier besuchen?“ Ähnlich erstaunt betrachtet der Zeit-Journalist seinen Gesprächspartner und stellt überrascht fest, dass sie in manchem einer Meinung sind. Sind sie nicht putzig, diese Eingeborenen? Immerhin erkennt Wegner, dass er sich in einer Filterblase bewegt.

Kommentieren konnte ich den Beitrag auf der Zeit-Plattform übrigens nicht. Oder doch, nur veröffentlicht wurde der Kommentar nicht.  Vielleicht hätte ich bei der Anmeldung keine russische Mailadresse angeben sollen. Wobei mir einfällt, dass Wladimir Wladimirowitsch mit seinen Zahlungen an mich ganz schön im Rückstand ist. Wofür tue ich das alles hier überhaupt?

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Am 22. Juni vor 75 Jahren hat Deutschland die Sowjetunion angegriffen.  Das ZDF thematisierte den Überfall gestern  am Ende seiner Sendung heute-Journal. Die Sprecherin: Der Krieg habe “27 Millionen Sowjets” das Leben gekostet.

Sowjets! Der Lerchenberg ist offenbar immer noch oder schon wieder im kalten Krieg.   Tote Soldaten und Zivilisten als Sowjets zu bezeichen ist geschmacklos und herabwürdigend und die Verlängerung eines alten Feindbildes. Oder ist vorstellbar, dass ein Nachrichtensprecher der Öffentlich-Rechtlichen in einem ähnlichen Beitrag über die Weltkriegstoten der USA von “400.000 toten Amis” spricht?

  1. Welche Begriffe verbinden Sie spontan mit der DDR?
    soziale Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Solidarität untereinander, keine Ellenbogen-Mentalität, keine Arbeitslosigkeit, keine Angst um den Arbeitsplatz, Hilfsbereitschaft, kostenloses Gesundheitssystem, kostenloses Studieren, bezahlter Hausarbeitstag
  2. Woran erinnern Sie sich besonders gern?
    an meine Arbeit und an meine gesellschaftlichen Tätigkeiten
  3. Woran denken Sie ungern zurück?
    marode Altbauten, Untertanengeist gegenüber der Staats- und Parteiführung, lange Wartezeiten bei Wohnungen, Autos und anderen „Luxus“-Gegenständen, kein Telefon
  4. Wie verlief Ihr Berufsweg?
    kontinuierlich und erfolgreich
  5. Was haben Sie in der Freizeit getan?
    Leitung einer Betriebsarbeitsgemeinschaft Philatelie, stellv. Kreisvorsitzender Philatelie im Kulturbund, Leitung einer Schul-Arbeitsgemeinschaft „Junge Briefmarkensammler“
  6. Wen aus der DDR verehren Sie besonders und wofür?
    Wilhelm Pieck – gesamtes Leben für eine gute Sache
  7. Was hat Ihre DDR-Vita besonders geprägt?
    Elternhaus, politische Erziehung
  8. War das Verhältnis von Männern und Frauen zueinander anders als heute?
    ja, gleichberechtigter; die Frauen waren selbstbewusster.
  9. Welche Meinung hatten Sie 1990 zur Wiedervereinigung?
    Ich wusste aus meiner politischen Bildung, was auf uns zukommen wird. Für mich war das auch „Wahnsinn“, aber im negativen Sinne. Ich wollte kein „Bundi“ werden, obwohl ich nicht privilegiert war. Die DDR war meine Heimat.
  10. Welche Meinung haben Sie heute zum vereinten Deutschland?
    Ich lebe gut, aber auf Kosten armer Länder. Deutschland ist wieder großkotzig und meint, in der Welt militärisch mitmischen zu müssen. Unsere Regierungen belügen mich immer mehr und sind eigentlich nur noch Statisten der Wirtschaft. Ich lebe in einer Diktatur des Geldes.

Und falls Sie noch Ihren Lieblings-Ostwitz loswerden wollen: nur zu.

Ein DDR-Deutscher und ein Russe finden an der Lena einen Klumpen Gold. Sagt der Russe: „Au fein, wir werden brüderlich teilen.“ Meint der DDR-Deutsche: „Nichts da, halbe-halbe und nicht anders.“

Torsten Preußing war beim Rundfunksender Stimme der DDR Reporter, Redakteur, Kommentator und Moderator in der Redaktion Bunte Welle. Er stellt dem Blog “Auf Achse für die Solidarität  zur Verfügung”, Auszüge aus seinen Erinnerungen an die  Zeit beim Rundfunk . Vollständig erschienen sind sie im Buch “Spurensicherung III, Leben in der DDR”, GNN-Verlag Schkeuditz.  Vielen Dank für die Einblicke in das Berufsleben und die Zeit!

“Der Traum vom Radio

Ungelogen: Seit meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Rundfunkreporter werden. Allerdings blieb meine Mutter zeitlebens der Meinung, dass die liebe Verwandtschaft mir “diesen Floh ins Ohr” gesetzt hätte, weil sie sich davon versprach, das kindliche Plappermaul auch endlich einmal abschalten zu können.

Immerhin war aber in meiner Familie das Ein- und Ausschalten von Radioapparaten so selbstverständlich wie heute das Zappen mit der Fernbedienung durch Dutzende von Fernsehkanälen. In der Mitte der 50er Jahre, dazu in Hennigsdorf bei Berlin, konnte das jedoch nicht jeder von sich behaupten. Und wie meistens besonders die Dinge des Lebens die größte Anziehungskraft entfalten, die am weitesten entfernt oder am wenigsten erschwinglich erscheinen, so zog dieses faszinierende Funk-Medium auch mich in seinen Bann. Ja, noch heute lässt mich der Gedanke immer wieder staunen: “Die ganze Luft ist ja voller Radio!”

Im Vergleich aber zum aktuellen Gedränge, Geschiebe und dem mitunter heillosen Geschubse im Äther mag dieser Ausruf vielleicht übertrieben klingen. Schließlich gab es seinerzeit der Sender noch nicht allzu viele. Mein “Radiomenü” beispielsweise bestand aus dem Deutschlandsender, aus Radio DDR und dem Berliner Rundfunk. Hinzu kamen (abgeschirmt mit Kopf- und Sofakissen) RIAS Berlin, Sender Freies Berlin, der amerikanische Soldatensender AFN sowie gelegentlich auf schwankenden Mittelwellen der DDR-gestützte Freiheitssender 904 der westdeutschen KPD. Aber allein diese Stationsnamen sagen wohl nicht nur dem Insider, welche Antennenstürme solch eine “himmlische” Konstellation auszulösen vermocht hatte. Es wurde gefunkt, was das Zeug hielt, hin und zurück, kreuz und quer, auf dass die Drähte glühten und die Funken stiebten. Die Gründe dafür seien einmal zurückgestellt, sie sind auch hinreichend bekannt. Die “stürmische Anteilnahme” des Publikums ebenso.

In dieses Getümmel mich hineinstürzen zu können und einen hörbaren Teil von mir einzubringen, sollte gleichermaßen Ziel und Motivationsgrundlage während meiner gesamten Schulzeit bleiben. Und als an deren Ende, kurz vor den letzten Abiturprüfungen, ein kleiner Brief mich aufforderte, an einem Frühsommertag des Jahres 1965 beim Deutschlandsender im Funkhaus Nalepastraße von Berlin-Oberschöneweide vorzusprechen, “zwecks Aufnahme eines Volontariats”, da war es an mir, ungläubig aus der Wäsche zu gucken. Wie viel Unkenrufe hatten mich begleitet: “Willst wohl was Besseres werden?” Die zweifelnde Ungewissheit war nach recht eigenartigen Aufnahmeprüfungsgesprächen an der Karl-Marx-Universität Leipzig nicht unbedingt gewichen, und selbst die eigene Familie mit Tanten und Onkeln, denen mehr als die Volksschulabschlüsse der Vorkriegszeit nicht vergönnt waren, sah inzwischen statt spöttisch einigermaßen skeptisch auf das “Küken”, das zum vermeintlichen Höhenflug ansetzen wollte. Andererseits wurden die meisten meiner Verwandten aber auch von einem ungemeinen Stolz getragen, der in der traditionsreichen Hennigsdorfer Arbeiterbewegung wurzelte. Und aus ihr waren sie erwachsen. Nicht wenig hatten sie dabei mitgemacht. Vom bewaffneten Widerstand gegen den Kapp-Putsch über den Hundert-Tage-Streik der Stahlwerker bis zu Faschismus und Krieg. Auch der Siebzehnte Juni war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch solange die Sippe auch zurückdachte, auf eine höhere Schule war weder einer aus der mütterlichen noch jemand aus der väterlichen Linie verschlagen worden. “Und jetzt ausgerechnet dieser Schlaks”, womit mein Onkel Alfred, dem die Gestapo sämtliche Zähne ausgeschlagen hatte, mich meinte. “Willste etwa ‘n zweeter Oertel werden?”

Wenn in jenen Zeiten jemand von außen auf den Rundfunk schaute oder – vor allem – hörte, ohne dessen Inneres zu kennen, dann waren für ihn gewiss die Sportreporter die Könige der Ätherwellen. Auf anscheinend unversiegbare Wortschätze und sicherlich auch riesige Lungenflügel gestützt, übertrugen sie, scheinbar fast ohne Luft zu holen, atemberaubende “Hörbilder” aus fernen Wettkampfarenen, die den Eindruck vermittelten, man wäre unmittelbar dabei und sähe förmlich, wie sich z. B. der Linksaußen durch die vielbeinige Abwehr dribbelte, um dem Mittelstürmer das Leder auf den Kopf zu zirkeln, der es dann mit eisenhartem Schädel unter die Querlatte hämmerte.

Auch heute noch ziehe ich vor diesen Reportern tief meinen Hut. Nur mit einem, weiland an einer langen “Strippe” hängenden, Mikrofon in der Hand doch mit heißem Herzen auf der Zunge erreichten sie fast jedes Wohnzimmer und ließen dort mit treffenden Worten und tollkühnen Metaphern unmittelbar lebendig werden, was andernorts augenblicklich geschah. Im DDR-Hörfunk wurde diese Gilde von Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel und eben Heinz Florian Oertel angeführt. Nannte man aber Eberhardt, Hempel, Homrighausen, Knobloch, Kohse u. a. in der Abfolge der Jahre nicht einmal unzutreffend die Könige, dann musste man Oertel neidlos den Thron eines Kaisers der Hörfunksportreportage zugestehen – zumindest was seinen Popularitätsgrad betraf. Und ich gestehe freimütig: Ihm nachzueifern, war gewiss der kleinste Antrieb nicht, der mich meinen Berufsweg gehen ließ. Außerdem war da natürlich auch der Traum, irgendwann – den Sportreportern gleich – die weite, aber hierzulande fast unerreichbare, Welt unter die Füße nehmen zu können …”

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70 Jahre deutscher Geschichte in altersweiser Betrachtung

L’art pour l’art? Nein, Kunst um der Kunst willen ist nicht das Prinzip des Stephan Heym (1913–2001). Er hat sich eingemischt mit seinen Romanen und Artikeln, hat Anstöße gegeben und Anstoß erregt – sogar über seinen Tod hinaus: Der Friedhof bestand darauf, den Grabstein entsprechend den eigenen Vorschriften und entgegen des testamentarischen Wunsches zu gestalten; schließlich wurde ein Kompromiss gefunden.

Heym, 1913 als Sohn eine jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren, flog 1931 wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium und floh vor der Pogromstimmung nach Berlin, wo er studierte und nebenher Artikel für Zeitschriften schreib. Nach Hitlers Machtantritt konnte er über Tschechien in die USA entkommen. Zurück nach Deutschland kehrte Heym als Sergeant der US Army und Mitkämpfer der zweiten Front in der Normandie. Die weitere Vita: Mitglied im PEN Zentrum Ost wie West, Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes, Bücher, Bücher, Bücher (Hostages, Fünf Tage im Juni, Ahasver, Der König David Bericht, Radek, …) Jüdischer Emigrant, Schriftsteller, US-Soldat, Zeitungsmacher, regimekritischer DDRBewohner, Weltbürger, eigenständiger Kopf und moralische Instanz – all das wird deutlich in einer Autobiographie, die in selbstdistanzierter Betrachtung ganz nebenbei 70 Jahre deutscher Geschichte umfasst. Erstmals 1988 erschienen, endet die Autobiographie vor der Wiedervereinigung. Heym war dann ja auch noch Alterspräsident des Deutschen Bundestages – ausgestattet mit einem Direktmandat vom Prenzlauer Berg (vor dessen Schwabisierung). Ein altersweises, beeindruckendes Werk. Gebraucht schon ab 1 Cent erhältlich.

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