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Packende Einblicke ins Russland der Jelzin-Zeit

Der Autor, ehemals Mitarbeiter des DDR-Außenhandels, versucht im Russland der Jelzin-Ära eine Fleischfabrik als Joint Venture ins Funktionieren zu bekommen. Dabei trifft er auf Korruption, Bürokratie, Inkompetenz,Suff, Eigennutz und immer wieder auf russische Geschäftspartner, deren einziges Ziel es ist, ihn aus der Firma zu schubsen und sich deren Inventar unter den Nagel zu reißen. Der Stil des Buchs ist nicht eben literarisch; es überzeugt dennoch durch eine authentische Schilderung. Die es auch mit der Materie wenig vertrauten Lesern plausibel erscheinen lässt, warum heute viele  Russen heilfroh über Putins gelenkte Demokratie sind: Der Aufbruch der Jelzin-Jahre führte vom Versprechen für viele geradewegs ins Verbrechen.

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Torsten Preußing war beim Rundfunksender Stimme der DDR Reporter, Redakteur, Kommentator und Moderator in der Redaktion Bunte Welle. Er stellt dem Blog “Auf Achse für die Solidarität  zur Verfügung”, Auszüge aus seinen Erinnerungen an die  Zeit beim Rundfunk . Vollständig erschienen sind sie im Buch “Spurensicherung III, Leben in der DDR”, GNN-Verlag Schkeuditz.  Vielen Dank für die Einblicke in das Berufsleben und die Zeit!

“Der Traum vom Radio

Ungelogen: Seit meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Rundfunkreporter werden. Allerdings blieb meine Mutter zeitlebens der Meinung, dass die liebe Verwandtschaft mir “diesen Floh ins Ohr” gesetzt hätte, weil sie sich davon versprach, das kindliche Plappermaul auch endlich einmal abschalten zu können.

Immerhin war aber in meiner Familie das Ein- und Ausschalten von Radioapparaten so selbstverständlich wie heute das Zappen mit der Fernbedienung durch Dutzende von Fernsehkanälen. In der Mitte der 50er Jahre, dazu in Hennigsdorf bei Berlin, konnte das jedoch nicht jeder von sich behaupten. Und wie meistens besonders die Dinge des Lebens die größte Anziehungskraft entfalten, die am weitesten entfernt oder am wenigsten erschwinglich erscheinen, so zog dieses faszinierende Funk-Medium auch mich in seinen Bann. Ja, noch heute lässt mich der Gedanke immer wieder staunen: “Die ganze Luft ist ja voller Radio!”

Im Vergleich aber zum aktuellen Gedränge, Geschiebe und dem mitunter heillosen Geschubse im Äther mag dieser Ausruf vielleicht übertrieben klingen. Schließlich gab es seinerzeit der Sender noch nicht allzu viele. Mein “Radiomenü” beispielsweise bestand aus dem Deutschlandsender, aus Radio DDR und dem Berliner Rundfunk. Hinzu kamen (abgeschirmt mit Kopf- und Sofakissen) RIAS Berlin, Sender Freies Berlin, der amerikanische Soldatensender AFN sowie gelegentlich auf schwankenden Mittelwellen der DDR-gestützte Freiheitssender 904 der westdeutschen KPD. Aber allein diese Stationsnamen sagen wohl nicht nur dem Insider, welche Antennenstürme solch eine “himmlische” Konstellation auszulösen vermocht hatte. Es wurde gefunkt, was das Zeug hielt, hin und zurück, kreuz und quer, auf dass die Drähte glühten und die Funken stiebten. Die Gründe dafür seien einmal zurückgestellt, sie sind auch hinreichend bekannt. Die “stürmische Anteilnahme” des Publikums ebenso.

In dieses Getümmel mich hineinstürzen zu können und einen hörbaren Teil von mir einzubringen, sollte gleichermaßen Ziel und Motivationsgrundlage während meiner gesamten Schulzeit bleiben. Und als an deren Ende, kurz vor den letzten Abiturprüfungen, ein kleiner Brief mich aufforderte, an einem Frühsommertag des Jahres 1965 beim Deutschlandsender im Funkhaus Nalepastraße von Berlin-Oberschöneweide vorzusprechen, “zwecks Aufnahme eines Volontariats”, da war es an mir, ungläubig aus der Wäsche zu gucken. Wie viel Unkenrufe hatten mich begleitet: “Willst wohl was Besseres werden?” Die zweifelnde Ungewissheit war nach recht eigenartigen Aufnahmeprüfungsgesprächen an der Karl-Marx-Universität Leipzig nicht unbedingt gewichen, und selbst die eigene Familie mit Tanten und Onkeln, denen mehr als die Volksschulabschlüsse der Vorkriegszeit nicht vergönnt waren, sah inzwischen statt spöttisch einigermaßen skeptisch auf das “Küken”, das zum vermeintlichen Höhenflug ansetzen wollte. Andererseits wurden die meisten meiner Verwandten aber auch von einem ungemeinen Stolz getragen, der in der traditionsreichen Hennigsdorfer Arbeiterbewegung wurzelte. Und aus ihr waren sie erwachsen. Nicht wenig hatten sie dabei mitgemacht. Vom bewaffneten Widerstand gegen den Kapp-Putsch über den Hundert-Tage-Streik der Stahlwerker bis zu Faschismus und Krieg. Auch der Siebzehnte Juni war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch solange die Sippe auch zurückdachte, auf eine höhere Schule war weder einer aus der mütterlichen noch jemand aus der väterlichen Linie verschlagen worden. “Und jetzt ausgerechnet dieser Schlaks”, womit mein Onkel Alfred, dem die Gestapo sämtliche Zähne ausgeschlagen hatte, mich meinte. “Willste etwa ‘n zweeter Oertel werden?”

Wenn in jenen Zeiten jemand von außen auf den Rundfunk schaute oder – vor allem – hörte, ohne dessen Inneres zu kennen, dann waren für ihn gewiss die Sportreporter die Könige der Ätherwellen. Auf anscheinend unversiegbare Wortschätze und sicherlich auch riesige Lungenflügel gestützt, übertrugen sie, scheinbar fast ohne Luft zu holen, atemberaubende “Hörbilder” aus fernen Wettkampfarenen, die den Eindruck vermittelten, man wäre unmittelbar dabei und sähe förmlich, wie sich z. B. der Linksaußen durch die vielbeinige Abwehr dribbelte, um dem Mittelstürmer das Leder auf den Kopf zu zirkeln, der es dann mit eisenhartem Schädel unter die Querlatte hämmerte.

Auch heute noch ziehe ich vor diesen Reportern tief meinen Hut. Nur mit einem, weiland an einer langen “Strippe” hängenden, Mikrofon in der Hand doch mit heißem Herzen auf der Zunge erreichten sie fast jedes Wohnzimmer und ließen dort mit treffenden Worten und tollkühnen Metaphern unmittelbar lebendig werden, was andernorts augenblicklich geschah. Im DDR-Hörfunk wurde diese Gilde von Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel und eben Heinz Florian Oertel angeführt. Nannte man aber Eberhardt, Hempel, Homrighausen, Knobloch, Kohse u. a. in der Abfolge der Jahre nicht einmal unzutreffend die Könige, dann musste man Oertel neidlos den Thron eines Kaisers der Hörfunksportreportage zugestehen – zumindest was seinen Popularitätsgrad betraf. Und ich gestehe freimütig: Ihm nachzueifern, war gewiss der kleinste Antrieb nicht, der mich meinen Berufsweg gehen ließ. Außerdem war da natürlich auch der Traum, irgendwann – den Sportreportern gleich – die weite, aber hierzulande fast unerreichbare, Welt unter die Füße nehmen zu können …”

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BAAAL kommt über die Großgemeinde Salow, die Befugte Anstalt für Ab- und Auflösungen. Denn es kann nicht sein, dass die örtliche Land- und Forst AG Grafschaft das vormalige Staatseigentum zum Wohle der Bewohner selber verwaltet, wo doch Privatisierung das Gebot der Stunde ist und alles für ‘ne Mark rausmuss. Um dann richtig teuer weiterverscherbelt werden zu können, bis alles in Scherben liegt. Zum Glück ist Salow mit einem pfiffigen Schulzen gesegnet und dieser mit listigen Mitverschwörern. Mit Bauernschläue und dem Geld des letzten Nachkommen der einstigen Großgrafen retten sie, was zu retten ist: eine intakte Gemeinschaft, in der niemand reich wird, aber alle ihr Auskommen haben. Lokalkolorit, Anekdoten und ein Happy-End: ein hübsches Wiedervereinigungshistörchen.

“Die Geschichte und ihre Personen hat der Autor frei erfunden, ohne eine Wirklichkeit abbilden zu wollen. Dieser entommen ist einzig der Käfer Anton”, versichert Brězan (1916–2006).

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Ein Warenhausdirektor und ein Schriftsteller tauschen die Rollen, überzeugt davon, dass ja nicht so schwer sein kann, was der andere da macht. Rolf Ludwig, unvergessen, spielt die Zwillinge und schafft es, jedem eigene Züge zu verleihen und dabei immer der Schelm zu sein, als den ihn seine Verehrer schätzen. Die 1973 entstandene Geschichte an sich ist wenig originell, aber die Umsetzung erfreut mit satirischen Seitenhieben gegen DDR-”Versorgungsengpässe”, mit viel 70er-Jahre-Kolorit, Moritaten-Gesang und hübschen Einfällen, wie der Darstellung der Schauspieler auf einer “Straße der Besten” beim Abspann. Dass auch alle sonstig an der Produktion Beteiligten mit Fotos gewürdigt werden, ist mir auch von keinem anderen Film in Erinnerung.

Da der Film in Ihrer Videothek um die Ecke kaum angeboten wird und die Zahl der Fernsehsender, die ihn ausstrahlen könnten, nicht eben groß scheint: Gebraucht gibt es ihn ab 6 Euro, eine angemessene Investition in ein Stück schwarzweiße Vergangenheit.  Rolf Hoppe spielt auch noch mit.

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Viele Fakten, viel Ideologie
Das Buch schildert Geschehnisse und Verhandlungen auf dem Weg zur Wiedervereinigung und stützt sich dabei auf zahlreiche Quellen: Wer von den SED-Reformern hat damals was mit wem in Moskau besprochen, wer hat sich an die Absprachen nicht gehalten, wie hat sich die Position der Westmächte und der BRD-Regierung hinsichtlich des Tempos der Vereinigung entwickelt, wie haben sich SED-Gremien umstruktuiert. Eine in Umrissen chronologische Darstellung ist eingebettet in Überlegungen grundsätzlicher Natur. Das ist sehr faktenreich und interessant, wenn zum Beispiel anhand von Dokumenten versucht wird, die Motive Schabowskis für seine Grenzöffnung via Pressekonferenz und dem “… gilt das unverzüglich, sofort” zu enträtseln (nach Meinung der Autoren weder ein Versehen noch Uninformiertheit, sondern Eigendarstellung, um Krenz die Show zu stehlen) oder die einzelnen Berater Gorbatschows zu Wort kommen. Kompliment für diesen Detailreichtum.
Die Autoren, bei der Erstveröffentlichung des Buchs knapp 70 und knapp 80 Jahre alt, trauern dem nach, was aus der DDR hätte werden können, wenn sich 1989/90 nur die richtigen Reformer durchgesetzt hätten. Sie bleiben dabei den Dogmen ihres DDR-Lebens auf eine Weise verhaftet, die auf starken Glauben oder Altersstarrsinn hindeutet und dem Buch einiges von seiner Wirkung nimmt: Lenin war gut, Krenz ein Hoffnungsträger und Reformer, der Klassengegner kocht sein Süppchen. Und da stehen sie dann auch ohne erkennbare Distanz, die realsozialistischen Sprachfloskeln von der UdSSR als dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat, der Unverbrüchlichkeit usw. Der Rückblick auf die DDR ist verklärt, der kurze Blick in die Gegenwart am Ende des Buchs getrübt. Das wirkt so, als ob jemand zwar nicht in der Lage ist, Ursachen einer Erkrankung zu diagnostieren, aber trotzdem schon mal eine Gallone vom einzigen im Haus vorhandenen Medikament anschleppt – mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.

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70 Jahre deutscher Geschichte in altersweiser Betrachtung

L’art pour l’art? Nein, Kunst um der Kunst willen ist nicht das Prinzip des Stephan Heym (1913–2001). Er hat sich eingemischt mit seinen Romanen und Artikeln, hat Anstöße gegeben und Anstoß erregt – sogar über seinen Tod hinaus: Der Friedhof bestand darauf, den Grabstein entsprechend den eigenen Vorschriften und entgegen des testamentarischen Wunsches zu gestalten; schließlich wurde ein Kompromiss gefunden.

Heym, 1913 als Sohn eine jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren, flog 1931 wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium und floh vor der Pogromstimmung nach Berlin, wo er studierte und nebenher Artikel für Zeitschriften schreib. Nach Hitlers Machtantritt konnte er über Tschechien in die USA entkommen. Zurück nach Deutschland kehrte Heym als Sergeant der US Army und Mitkämpfer der zweiten Front in der Normandie. Die weitere Vita: Mitglied im PEN Zentrum Ost wie West, Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes, Bücher, Bücher, Bücher (Hostages, Fünf Tage im Juni, Ahasver, Der König David Bericht, Radek, …) Jüdischer Emigrant, Schriftsteller, US-Soldat, Zeitungsmacher, regimekritischer DDRBewohner, Weltbürger, eigenständiger Kopf und moralische Instanz – all das wird deutlich in einer Autobiographie, die in selbstdistanzierter Betrachtung ganz nebenbei 70 Jahre deutscher Geschichte umfasst. Erstmals 1988 erschienen, endet die Autobiographie vor der Wiedervereinigung. Heym war dann ja auch noch Alterspräsident des Deutschen Bundestages – ausgestattet mit einem Direktmandat vom Prenzlauer Berg (vor dessen Schwabisierung). Ein altersweises, beeindruckendes Werk. Gebraucht schon ab 1 Cent erhältlich.

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Lakomy (1946-2013)  war  Musiker, Sänger, Liedermacher, Komponist.  Entsprechend beschwingt kommt seine Autobiografie daher – ein vergnügliches Lesen auch für diejenigen, die andere musikalische Vorlieben hegen.  Das Lesevergnügen wird gewürzt von trockenem Humor, Seitenhieben auf bekannte Namen und dem Abgleichen mit eigenen Erinnerungen.

Das erste Fummeln mit einem Mädchen: “Plötzlich spürte ich etwas hügelig Festes, Knorpeliges. ‚Was’n das?‘, frage ich erschrocken. Doris antwortete: ‚Das isse.‘” Bei den Seitenhieben kriegt zum Beispiel Biermann zuerst Bewunderung und dann sein Fett ab, Dagmar Frederic  zählt ebenfalls nicht zu den Lieblingen Lakomys. Auch Manfred Krug kommt nicht sonderlich gut weg, besser ergeht es Günther Fischer, Klaus Lenz, Ulli Gumpert, Baby Sommer, Angelika Mann  und natürlich Monika Ehrhardt, seiner Frau, mit der zusammen er viele Kinderlieder rund um den Traumzauberbaum veröffentlicht hat.  Auf Genres lässt Lakomy sich ohnehin nicht festlegen: Jazz, Schlager, Lieder, elektronische Musik …  Mitunter scheint der Rückblick in übergroßer Altersmilde zu erfolgen, wenn Lacky, wie  viele ihn nennen, in  Zuschauerzahlen seiner Konzerte und in seinen Plattenverkäufen schwelgt.

Irgendwo beim mir im Haushalt muss noch “Lackys Dritte” stehen, seit langen Jahren nicht gehört und auch nicht vermisst. Als Sänger war er mir immer ein bisschen zu gestylt kauzig.  Vielleicht sollte ich mich ja auf die Suche machen.

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Lesenswerter Ausflug in die Psyche einer Gesellschaft

Psychotherapeut Maaz hat ein ganzes Ländchen auf die Couch gesetzt und dabei Lesens- und Bedenkenswertes herausgefunden. Er beschreibt, wie die Ostdeutschen in der von Repression und Mangel geprägten Atmosphäre der DDR ihre ursprünglichen Gefühle nicht ausleben konnten und deshalb die Lebensgeschichten von Resignation, Passivität und Unterwerfung geprägt gewesen seien. Einen an der Waffel (Maaz schreibt von Charakterdeformierung) hatten demnach alle – Machthaber und Mitläufer ebenso wie Oppositionelle, Ausreisende und Utopisten. Sich davon zu befreien sei manchmal in einer Psychotherapie gelungen – hört, hört. Die Wende habe nicht dazu geführt, die Ursachen der Charakterdeformierung aufzuarbeiten (und so zu innerlich wahrhaft freien Menschen zu werden), weil an Stelle der alten zwanghaften Handlungen neue getreten wären, wie die Jagd nach der D-Mark.

Für den alten Westen diagnostiziert Maaz ähnliche Deformierungen. Anstatt sich mit der gigantischen Schuld von Nazi-Deutschland (und damit auch der Eltern und Großeltern) auseinanderzusetzen, sei die Gefühlsenergie umgeleitet worden in ein süchtiges Mantra von Karriere, Wachstum und Wohlstand, das durch äußeren Erfolg verhindere, dass man sich den eigentlichen Gefühlen stellen müsse. Jeder, der einen Blick auf die besonders dynamischen Karrieristen unter seinen Kollegen wirft, wird das ohne Weiteres bestätigen können.

Das Buch hat Maaz, wie er in seinem Nachwort schreibt, innerhalb von zwölf Wochen “wie im Fieber” geschrieben, auch als Bestandteil einer Selbst-Therapie, zu der auch schon die Berufswahl gehört habe. Herausgekommen ist dabei ein Mittelding zwischen Fachbuch und populärwissenschaftlicher Darlegung, zwischen Analyse und Gefühligkeit. Fachbegriffe, die nicht erklärt werden (wenn es um narzisstische Störungen geht zum Beispiel) gestalten das Lesen mitunter holprig. Spannend ist es trotzdem: Das Buch gibt einen Anstoß, der eigenen Kindheit und Jugend hinterherzugrübeln, Handlungen (oder deren Fehlen) einzuordnen.

Ob sich aber tatsächlich die Psyche eines ganzen Landes sezieren lässt? Und wie mag es dann um die Psyche anderer Länder bestellt sein? Zwar geht Maaz auch kurz auf Rahmenbedingungen außenpolitischer, kultureller, wirtschaftlicher oder sozialer Natur ein, wie die Perestroika, aber letztlich erschließt er die Wende aus der Psyche heraus. Ursache allen Handelns und Bleibenlassens sind demnach ungeklärte Beziehungen zu den Eltern – das Gefühl mangelnder Liebe, mangelnden Angenommmenseins, mangelnder Akzeptanz. Unwohl wurde es mir bei den Ausführungen zur Gewaltfreiheit der 89er Revolution, bei Maaz auch Ausdruck einer Unfähigkeit, mit aggressiven Gefühlen umgehen zu können. Was er damit sagen will, gelingt ihm nur unzulänglich zu vermitteln.

Für mich ein lesenswertes Buch mit vielen treffenden Aussagen. Ob diese auch von so generalisierter Wahrhaftigkeit sind, wie Maaz behauptet – ich weiß es nicht. Vielleicht hat ja die ganze Menschheit eine Klatsche. Die Leser dieser Rezension natürlich ausgenommen.

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DDR-Kommentare eines Deutschen mit sowjetischem Pass

Lochthofen, Jahrgang 1953, breitet eine spannende Biografie aus: Der Vater ein von Stalins Großem Terror ins Lager nach Workuta verbannter deutscher Kommunist, später wegen seiner Verdienste als Werkleiter ins Zentralkomitee der SED aufgerückt, die Mutter eine Russin, die Kindheit am Lagerzaun, der Besuch einer russischen Garnisonsschule im thüringischen Gotha, Student in der Sowjetunion und in der DDR. Dort diplomiert er in Journalistik, arbeitet dann für die Parteizeitung des Bezirks Erfurt, die zum Ende des Buchs sich zur Thüringer Allgemeinen wendet – mit ihm an verantwortlicher Stelle.

Der Autor wandert zwischen den Welten, gehört überall ein bisschen dazu, bleibt überall auf Distanz; vor allzu großen Widrigkeiten beim Löcken gegen den Stachel schützen die ZK-Vergangenheit des Vaters und der sowjetische Pass. Ja, so war sie in weiten Teilen, die Realität im ehemaligen Vaterland der Werktätigen und der noch ehemaligeren größten DDR der Welt. Betonköpfe, Oppositionelle und alle Zwischenschattierungen. Man erkennt sie beim Lesen wieder. Lochthofen posiert ein bisschen und gibt den abgeklärten Bescheidwisser, immer auf der Höhe der Zeit und einen Tick gewiefter als alle anderen, was das Lesevergnügen etwas trübt.

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Es lohnt sich, sie aufzulegen: die Platte “Pannach & Kunert”, erschienen bei CBS.
Pannach und Kunert haben die Band Renft mit geprägt, Pannach als Texter, Kunert als Keyboarder. Verhaftet auch wegen ihrer Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung, wurden sie nach mehrmonatiger Haft 1977 aus der DDR geschubst.

Die Platte verarbeitet Erfahrungen aus der DDR, ruft zum Beispiel in “Dann verfluch nicht den Wind” einem ehemaligen Bandkollegen, wohl Peter Gläser, bittere Worte hinterher oder schwelgt in Erinnerungen an “die schönste von den Küchenfrau’n” im Opener “Sonne wie ein Clown”. Dass auch im Westen nicht alles golden glänzt, zeigen Stadtstreicher-Themen (“Kommst du heut nach Berlin” oder Knast-Reminiszenzen (“Mann aus Fuhllbüttel”) – Pannach & Kunert bleiben unangepasste Hinterfrager. Vielleicht blieb ihnen auch wegen dieses Agitprop-Anflugs der Durchbruch im Westen versagt oder erspart. Verdient gehabt hätten sie ihn allemal, schon wegen eines wunderbar poetischen Liebeslieds wie “Louise” oder der Kirschblüten, die so weiß wie Bierschaum leuchten (“Der rote Karl”).

Die Platte gibt’s noch im gut sortierten Second-Hand-Handel. Wer sie kauft, erwirbt Poesie, Musik und ein Stück deutscher Zeitgeschichte.