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12.11.2017 / Heute haben es die Dresdner Montagsspaziergänger zumindest indirekt in den ARD-Tatort geschafft. Das wirkte insoweit authentisch, als man sich vor allem sinnlos anbrüllte und einander gram war.

Hände hoch. Fernbedienung weglegen.

Hände hoch! Fernbedienung weglegen!

Der Kriminalfall ist schnell erzählt: Eine böse Versicherungsgesellschaft, die noch bösartiger als andere Versicherungsgesellschaften Versicherte um Leistungen bringt. Eine ehemalige Mitarbeiterin hält das nicht aus, will ein Zeichen setzen und bringt eher aus Versehen einen Versicherungsmanager um. Denn alle würden nur etwas gegen die armen Schweine haben, während niemand etwas gegen die reichen Schweine tue.

Weil Kommissarin Sieland (Alwara Höfels) Flüchtlinge unterstützt und dabei den ausrangierten Computer ihres Kommissariatsleiters Schnabel (Martin Brambach) wegschenkt, den Schnabel eigentlich wieder in den Dienst stellen wollte, kommt es zu gegenseitigem Angiften, während Kommissarin Gorniak (Karin Hanczewski) sich im Ablenken und Begütigen versucht. Der Zuschauer erfährt außerdem, dass Schnabel sich seit Jahren Sorgen um die Lage in der Stadt macht, aber aus anderen Gründen als Sieland. Die außerdem noch Stress mit ihrem Freund hat, was einen Teil ihrer schlechten Laune erklärt. Das alles wirkt eher behauptet als schlüssig: Wer krawallt schon ständig seinen Chef an? Wieso werden die Überwachungsbilder der Kamera am Tatort-Hochhaus erst überprüft, als der Techniker nichts Besseres  zu tun hat? Und hat der öffentlich-rechtliche Dienst nicht auch für ausrangierte Rechner Weiternutzungsvorschriften nicht unter zwei Din-A4-Seiten?

Zum Glück hatte der MDR wenigstens noch rechtzeitig vor Ausstrahlung gemerkt, dass Lebensretter eines Rollstuhlfahrers rechtsextreme Aufnäher trugen.

Was wohl Kain und Ehrlicher dazu gesagt hätten?

 

12.11. 2017 / Kunst mit Ostbezug lässt sich derzeit im Doppelpack erleben: Das Museum Barberini in Potsdam zeigt bis zum 4. Februar “Hinter der Maske. Künstler in der DDR.” Und das Bröhan-Museum in Berlin ist bis zum 21. Januar 2018 Gastgeber einer Ausstellung des Moskauer Design-Museums: “The Paper Revolution. Sowjetisches Grafikdesign der 1920er und 1930er Jahre.”

By Bundesarchiv, Bild 183-R0510-0325 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436168

By Bundesarchiv, Bild 183-R0510-0325 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5436168

In Potsdam sollen 100 Werke von 80 Künstlern aus vier Generationen zeigen, wie Künstler im Spannungsfeld von Rollenbild und Rückzug “ihr Selbstverständnis und ihr Verhältnis zur vorgeschriebenen erzieherischen Aufgabe” reflektierten. Den solcherart erhobenen Zeigefinger (Diktatur!) bekommt die Ausstellung nie wieder ganz eingezogen, nützliche Fingerzeige sind aber dabei.

Die Einzel- und Gruppenporträts sowie Atelierbilder vereinen große Namen mit weniger bekannten: A.R. Penck, Willi Sitte, Werner Tübke, Walter Womacka, Strawalde, Wolfgang Mattheuer, Trak Wendisch, Stefan Plenkers, Evelyn Richter, … Ein Wiedersehen gibt es auch mit großformatigen Werken aus der Galerie im Palast der Republik, zum Beispiel mit Womackas “Wenn Kommunisten träumen”, einer Tour de Force mit Weltmeeren, dem All und zahlreichen Motiven, von einem an Rodins „Denker“ erinnernden Arbeiter über den abgestürzten Ikarus bis zum angedeuteten Panzerkreuzer Aurora. Ein imposantes Bild, dessen propagandistische Attitüde aber viele in der DDR von einer nähere Beschäftigung mit dem Werk abgehalten haben dürfte. Trak Wendischs “Seiltänzer”, der nicht Leichtigkeit, sondern Qual und Überdruss ausstrahlt, Tübkes kleines Porträt seiner Familie in Ritterrüstungen – die Ausstellung bietet ein breites Spektrum, in dem jeder Besucher seine Entdeckungen machen wird.

Eine halbe Autostunde entfernt zeigt in Berlin-Charlottenburg die Bröhan-

Bücher zu allen Wissenszweigen: Werbemotiv Alexander Rodtschenkos

Bücher zu allen Wissenszweigen: Werbemotiv Alexander Rodtschenkos

Ausstellung “The Paper Revolution” ebenfalls rund hundert Werke – Plakate, Postkarten, Zeitschriften, Bücher aus einer Zeit, als der Konstruktivismus die Kunst mit dem sozialen Zweck vereinen wollte. El Lissitzky ist natürlich dabei, Alexander Rodtschenko, Valentina Kulagina und viele weitere. Malewitsch ist mit einer Teekanne und Tasse vertreten. Die kleine Ausstellung ist schnell betrachtet, auch weil eine vertiefende Einordnung fehlt.

Museum Barberini
Bröhan-Museum

 

Mecklenburg an der Grenze zu Brandenburg, kurz nach der Wende. Eine junge Holländerin zieht in ein altes Gehöft, das Freunden aus Berlin gehört. Einen Hund zur Gesellschaft, schreibt sie die Geschichte der Gegend und stützt sich dabei auf alte Chroniken, Briefe und vor allem Gespräche mit Bewohnern. Das ist immer spannend und manchmal deprimierend, weil sich das Leben anscheinend oder scheinbar gern im Kreise dreht.

Auf Deutsch erschienen ist das Buch bereits 2009, entdeckt habe ich es erst jetzt. Die Autorin, eine Journalistin und Übersetzerin, hat ihre Geschichte so verfremdet, dass Ort und Namen unkenntlich sind – so steht Blankow für eine ganze Gegend.  Steinreich seien sie, scherzen die Bauen dort und meinen damit die Steine, die sie regelmäßig von ihren kargen Äckern holen müssen, weil das Grundwasser sie nach oben gedrückt hat. De Bok gibt en passant einen Abriss über den Bauernstand, vom Junkertum über das Aufsiedlungsprogramm der Nazis bis zur Bodenreform nach Kriegsende. Als Flüchtlinge von jenseits der Oder auch nach Blankow kommen und die Einwohnerzahl verdoppeln. Zusammen mit ihnen kommen die Befreier und Besetzer mit ihrem  “Uri, Uri” und “Komm , Frau.”  Vergewaltigt werden immer nur die Frauen aus den anderen Familien, schreibt de Bok. 16? 82? “Komm, Frau.” Die Verheißung einer Gerechtigkeit, in der die Menschen das Land auch besitzen, das sie beackern, endet mit der Kollektivierung, als die Kreisleitung der Partei zum alles reglementierenden de-Facto-Grundbesitzer wird.  Die Blankower gehen in den Westen oder richten sich ein.  Pauline de Bok rückt ihnen auf die Pelle und lässt sich ihre Geschichten erzählen, vom Krieg und von der Hoffnung, vom harten Arbeiten und von der Liebe. Daneben steht die Geschichte, wie sie sich im Gehöft einrichtet, dem Boden ein Gemüsebeet abringt, über Felder streift und Abgründe in sich selbst bekämpft: “Ich muss mich gegen meine eigene Galle wehren.”

Täter oder Opfer, es gibt keine klare Trennlinie.  Menschen werden in die Welt geboren und suchen sich die Heimat, die ihnen möglich ist.

 

Maaz’ Buch schildert eine offenbar verbreitete psychische Störung, den Narzissmus. Dabei entscheidet er zwischen gesundem und gestörtem Narzissmus. Ein Mensch mit gesundem Narzissmus verfüge über Selbstwert und Selbstliebe, was ihn zur Fremdliebe befähige, erkenne und akzeptiere seine Beschränkungen.

Den pathologischen Narzissmus beschreibt Maaz in den Begriffen Größenselbst und Größenklein, beides Folge von Liebesmangel in der frühen Kindheit. Beim Größenselbst motiviere dieser Mangel zu Anstrengungen, um Bestätigung zu bekommen – Streben nach immer neuen Erfolgen, nach Attraktivität, nach Bedeutsamkeit. All dies diene dazu, das innere Minderwertigkeitsgefühl zu verleugnen und zu beruhigen, wobei dennoch nie Zufriedenheit eintrete. Die Selbstzweifel müssten dann mit neuen “Erfolgen“ bekämpft werden. Menschen mit Größenklein reagierten auf das Liebesdefizit mit permanenter Selbstabwertung und mit derAnhimmelung anderer. Dadurch wollten sie vom Gegenüber die Zuwendung erhalten, die ihnen in der Kindheit entgangen sei. So würden Ehen oft “kollusive Partnerschaft“ von Größenselbst und Größenklein sein, die sich gegenseitig stabilisierten.

Maaz erläutert die Entstehungsgeschichte der Störung an Beispielen, beschreibt Ausprägungen des männlichen und weiblichen Narzissmus, die Auswirkungen in der Pubertät und Partnerschaft, beim Sex. Er findet immer wieder interessante Beispiele, die zum Weiterdenken anregen. Laufend zieht er dabei Parallelen zu einer Gesellschaft, die im destruktiven Leistungs- und Wachstumsdenken gefangen sei.

Gegen Ende des Buches verliert Maaz dabei vielleicht ein wenig das Maß. Sein Politikverständnis ist in seiner Generalisisierung nicht weit entfernt vom Stammtisch und dessen Haltung, das alles schlimm sei und noch schlimmer werde – die Verteilungsungerechtigkeit, die Vergiftung von Boden, Gewässern, der Luft, der Artenrückgang, die Verschuldung. “Die” Politiker seien narzisstische Größenselbsts, korrumpiert und nicht in der Lage, nötige unpopuläre Entscheidungen zu treffen, weil sie zum einen von der Kompliziertheit der Materie nichts verständen und zum anderen aus der narzisstischen Prägung heraus alles für den Machterhalt täten. In Wahlen treffen demzufolge das Größenklein, “der Wähler”, auf das Politker-Größenselbst. Die gesunden Narzissten sieht er offenbar in den Nichtwählern.

Als Lösungs-Utopie schwebt ihm vor, dass alle Wahlen mit einer Beteiligung unterhalb einer Marge von beispielsweise 80 Prozent für ungültig erklärt werden. Dann müssten die Gründe der geringen Wahlbeteiligung diskutiert und verstanden werden, woraus eine weitgehend akzeptierte Realpolitik folge, bestehend aus Kompromissen, die aus der Beachtung der Meinung aller entstehen. Die Regierung sollte von einem ehrenamtlichen Experten-Rat ersetzt werden, direkt vom Volk gewählt. Dessen Arbeit wird von einem neutralen Moderator gruppendynamisch begleitet. Auch hinter der Konfrontation im Kalten Krieg diagnostiziert Maaz ein kapitalistisches Größenselbst und das Größenklein des Ostblocks. Positiv bewertet Maaz, das Buch ist erstmals 2012 erschienen, die Piratenpartei, weil sie (noch nicht) dem narzisstischen Reflex unterliege, zu allem eine Antwort zu haben.

 

Packende Einblicke ins Russland der Jelzin-Zeit

Der Autor, ehemals Mitarbeiter des DDR-Außenhandels, versucht im Russland der Jelzin-Ära eine Fleischfabrik als Joint Venture ins Funktionieren zu bekommen. Dabei trifft er auf Korruption, Bürokratie, Inkompetenz,Suff, Eigennutz und immer wieder auf russische Geschäftspartner, deren einziges Ziel es ist, ihn aus der Firma zu schubsen und sich deren Inventar unter den Nagel zu reißen. Der Stil des Buchs ist nicht eben literarisch; es überzeugt dennoch durch eine authentische Schilderung. Die es auch mit der Materie wenig vertrauten Lesern plausibel erscheinen lässt, warum heute viele  Russen heilfroh über Putins gelenkte Demokratie sind: Der Aufbruch der Jelzin-Jahre führte vom Versprechen für viele geradewegs ins Verbrechen.

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Torsten Preußing war beim Rundfunksender Stimme der DDR Reporter, Redakteur, Kommentator und Moderator in der Redaktion Bunte Welle. Er stellt dem Blog “Auf Achse für die Solidarität  zur Verfügung”, Auszüge aus seinen Erinnerungen an die  Zeit beim Rundfunk . Vollständig erschienen sind sie im Buch “Spurensicherung III, Leben in der DDR”, GNN-Verlag Schkeuditz.  Vielen Dank für die Einblicke in das Berufsleben und die Zeit!

“Der Traum vom Radio

Ungelogen: Seit meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Rundfunkreporter werden. Allerdings blieb meine Mutter zeitlebens der Meinung, dass die liebe Verwandtschaft mir “diesen Floh ins Ohr” gesetzt hätte, weil sie sich davon versprach, das kindliche Plappermaul auch endlich einmal abschalten zu können.

Immerhin war aber in meiner Familie das Ein- und Ausschalten von Radioapparaten so selbstverständlich wie heute das Zappen mit der Fernbedienung durch Dutzende von Fernsehkanälen. In der Mitte der 50er Jahre, dazu in Hennigsdorf bei Berlin, konnte das jedoch nicht jeder von sich behaupten. Und wie meistens besonders die Dinge des Lebens die größte Anziehungskraft entfalten, die am weitesten entfernt oder am wenigsten erschwinglich erscheinen, so zog dieses faszinierende Funk-Medium auch mich in seinen Bann. Ja, noch heute lässt mich der Gedanke immer wieder staunen: “Die ganze Luft ist ja voller Radio!”

Im Vergleich aber zum aktuellen Gedränge, Geschiebe und dem mitunter heillosen Geschubse im Äther mag dieser Ausruf vielleicht übertrieben klingen. Schließlich gab es seinerzeit der Sender noch nicht allzu viele. Mein “Radiomenü” beispielsweise bestand aus dem Deutschlandsender, aus Radio DDR und dem Berliner Rundfunk. Hinzu kamen (abgeschirmt mit Kopf- und Sofakissen) RIAS Berlin, Sender Freies Berlin, der amerikanische Soldatensender AFN sowie gelegentlich auf schwankenden Mittelwellen der DDR-gestützte Freiheitssender 904 der westdeutschen KPD. Aber allein diese Stationsnamen sagen wohl nicht nur dem Insider, welche Antennenstürme solch eine “himmlische” Konstellation auszulösen vermocht hatte. Es wurde gefunkt, was das Zeug hielt, hin und zurück, kreuz und quer, auf dass die Drähte glühten und die Funken stiebten. Die Gründe dafür seien einmal zurückgestellt, sie sind auch hinreichend bekannt. Die “stürmische Anteilnahme” des Publikums ebenso.

In dieses Getümmel mich hineinstürzen zu können und einen hörbaren Teil von mir einzubringen, sollte gleichermaßen Ziel und Motivationsgrundlage während meiner gesamten Schulzeit bleiben. Und als an deren Ende, kurz vor den letzten Abiturprüfungen, ein kleiner Brief mich aufforderte, an einem Frühsommertag des Jahres 1965 beim Deutschlandsender im Funkhaus Nalepastraße von Berlin-Oberschöneweide vorzusprechen, “zwecks Aufnahme eines Volontariats”, da war es an mir, ungläubig aus der Wäsche zu gucken. Wie viel Unkenrufe hatten mich begleitet: “Willst wohl was Besseres werden?” Die zweifelnde Ungewissheit war nach recht eigenartigen Aufnahmeprüfungsgesprächen an der Karl-Marx-Universität Leipzig nicht unbedingt gewichen, und selbst die eigene Familie mit Tanten und Onkeln, denen mehr als die Volksschulabschlüsse der Vorkriegszeit nicht vergönnt waren, sah inzwischen statt spöttisch einigermaßen skeptisch auf das “Küken”, das zum vermeintlichen Höhenflug ansetzen wollte. Andererseits wurden die meisten meiner Verwandten aber auch von einem ungemeinen Stolz getragen, der in der traditionsreichen Hennigsdorfer Arbeiterbewegung wurzelte. Und aus ihr waren sie erwachsen. Nicht wenig hatten sie dabei mitgemacht. Vom bewaffneten Widerstand gegen den Kapp-Putsch über den Hundert-Tage-Streik der Stahlwerker bis zu Faschismus und Krieg. Auch der Siebzehnte Juni war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch solange die Sippe auch zurückdachte, auf eine höhere Schule war weder einer aus der mütterlichen noch jemand aus der väterlichen Linie verschlagen worden. “Und jetzt ausgerechnet dieser Schlaks”, womit mein Onkel Alfred, dem die Gestapo sämtliche Zähne ausgeschlagen hatte, mich meinte. “Willste etwa ‘n zweeter Oertel werden?”

Wenn in jenen Zeiten jemand von außen auf den Rundfunk schaute oder – vor allem – hörte, ohne dessen Inneres zu kennen, dann waren für ihn gewiss die Sportreporter die Könige der Ätherwellen. Auf anscheinend unversiegbare Wortschätze und sicherlich auch riesige Lungenflügel gestützt, übertrugen sie, scheinbar fast ohne Luft zu holen, atemberaubende “Hörbilder” aus fernen Wettkampfarenen, die den Eindruck vermittelten, man wäre unmittelbar dabei und sähe förmlich, wie sich z. B. der Linksaußen durch die vielbeinige Abwehr dribbelte, um dem Mittelstürmer das Leder auf den Kopf zu zirkeln, der es dann mit eisenhartem Schädel unter die Querlatte hämmerte.

Auch heute noch ziehe ich vor diesen Reportern tief meinen Hut. Nur mit einem, weiland an einer langen “Strippe” hängenden, Mikrofon in der Hand doch mit heißem Herzen auf der Zunge erreichten sie fast jedes Wohnzimmer und ließen dort mit treffenden Worten und tollkühnen Metaphern unmittelbar lebendig werden, was andernorts augenblicklich geschah. Im DDR-Hörfunk wurde diese Gilde von Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel und eben Heinz Florian Oertel angeführt. Nannte man aber Eberhardt, Hempel, Homrighausen, Knobloch, Kohse u. a. in der Abfolge der Jahre nicht einmal unzutreffend die Könige, dann musste man Oertel neidlos den Thron eines Kaisers der Hörfunksportreportage zugestehen – zumindest was seinen Popularitätsgrad betraf. Und ich gestehe freimütig: Ihm nachzueifern, war gewiss der kleinste Antrieb nicht, der mich meinen Berufsweg gehen ließ. Außerdem war da natürlich auch der Traum, irgendwann – den Sportreportern gleich – die weite, aber hierzulande fast unerreichbare, Welt unter die Füße nehmen zu können …”

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BAAAL kommt über die Großgemeinde Salow, die Befugte Anstalt für Ab- und Auflösungen. Denn es kann nicht sein, dass die örtliche Land- und Forst AG Grafschaft das vormalige Staatseigentum zum Wohle der Bewohner selber verwaltet, wo doch Privatisierung das Gebot der Stunde ist und alles für ‘ne Mark rausmuss. Um dann richtig teuer weiterverscherbelt werden zu können, bis alles in Scherben liegt. Zum Glück ist Salow mit einem pfiffigen Schulzen gesegnet und dieser mit listigen Mitverschwörern. Mit Bauernschläue und dem Geld des letzten Nachkommen der einstigen Großgrafen retten sie, was zu retten ist: eine intakte Gemeinschaft, in der niemand reich wird, aber alle ihr Auskommen haben. Lokalkolorit, Anekdoten und ein Happy-End: ein hübsches Wiedervereinigungshistörchen.

“Die Geschichte und ihre Personen hat der Autor frei erfunden, ohne eine Wirklichkeit abbilden zu wollen. Dieser entommen ist einzig der Käfer Anton”, versichert Brězan (1916–2006).

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Ein Warenhausdirektor und ein Schriftsteller tauschen die Rollen, überzeugt davon, dass ja nicht so schwer sein kann, was der andere da macht. Rolf Ludwig, unvergessen, spielt die Zwillinge und schafft es, jedem eigene Züge zu verleihen und dabei immer der Schelm zu sein, als den ihn seine Verehrer schätzen. Die 1973 entstandene Geschichte an sich ist wenig originell, aber die Umsetzung erfreut mit satirischen Seitenhieben gegen DDR-”Versorgungsengpässe”, mit viel 70er-Jahre-Kolorit, Moritaten-Gesang und hübschen Einfällen, wie der Darstellung der Schauspieler auf einer “Straße der Besten” beim Abspann. Dass auch alle sonstig an der Produktion Beteiligten mit Fotos gewürdigt werden, ist mir auch von keinem anderen Film in Erinnerung.

Da der Film in Ihrer Videothek um die Ecke kaum angeboten wird und die Zahl der Fernsehsender, die ihn ausstrahlen könnten, nicht eben groß scheint: Gebraucht gibt es ihn ab 6 Euro, eine angemessene Investition in ein Stück schwarzweiße Vergangenheit.  Rolf Hoppe spielt auch noch mit.

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Viele Fakten, viel Ideologie
Das Buch schildert Geschehnisse und Verhandlungen auf dem Weg zur Wiedervereinigung und stützt sich dabei auf zahlreiche Quellen: Wer von den SED-Reformern hat damals was mit wem in Moskau besprochen, wer hat sich an die Absprachen nicht gehalten, wie hat sich die Position der Westmächte und der BRD-Regierung hinsichtlich des Tempos der Vereinigung entwickelt, wie haben sich SED-Gremien umstruktuiert. Eine in Umrissen chronologische Darstellung ist eingebettet in Überlegungen grundsätzlicher Natur. Das ist sehr faktenreich und interessant, wenn zum Beispiel anhand von Dokumenten versucht wird, die Motive Schabowskis für seine Grenzöffnung via Pressekonferenz und dem “… gilt das unverzüglich, sofort” zu enträtseln (nach Meinung der Autoren weder ein Versehen noch Uninformiertheit, sondern Eigendarstellung, um Krenz die Show zu stehlen) oder die einzelnen Berater Gorbatschows zu Wort kommen. Kompliment für diesen Detailreichtum.
Die Autoren, bei der Erstveröffentlichung des Buchs knapp 70 und knapp 80 Jahre alt, trauern dem nach, was aus der DDR hätte werden können, wenn sich 1989/90 nur die richtigen Reformer durchgesetzt hätten. Sie bleiben dabei den Dogmen ihres DDR-Lebens auf eine Weise verhaftet, die auf starken Glauben oder Altersstarrsinn hindeutet und dem Buch einiges von seiner Wirkung nimmt: Lenin war gut, Krenz ein Hoffnungsträger und Reformer, der Klassengegner kocht sein Süppchen. Und da stehen sie dann auch ohne erkennbare Distanz, die realsozialistischen Sprachfloskeln von der UdSSR als dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat, der Unverbrüchlichkeit usw. Der Rückblick auf die DDR ist verklärt, der kurze Blick in die Gegenwart am Ende des Buchs getrübt. Das wirkt so, als ob jemand zwar nicht in der Lage ist, Ursachen einer Erkrankung zu diagnostieren, aber trotzdem schon mal eine Gallone vom einzigen im Haus vorhandenen Medikament anschleppt – mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.

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70 Jahre deutscher Geschichte in altersweiser Betrachtung

L’art pour l’art? Nein, Kunst um der Kunst willen ist nicht das Prinzip des Stephan Heym (1913–2001). Er hat sich eingemischt mit seinen Romanen und Artikeln, hat Anstöße gegeben und Anstoß erregt – sogar über seinen Tod hinaus: Der Friedhof bestand darauf, den Grabstein entsprechend den eigenen Vorschriften und entgegen des testamentarischen Wunsches zu gestalten; schließlich wurde ein Kompromiss gefunden.

Heym, 1913 als Sohn eine jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren, flog 1931 wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium und floh vor der Pogromstimmung nach Berlin, wo er studierte und nebenher Artikel für Zeitschriften schreib. Nach Hitlers Machtantritt konnte er über Tschechien in die USA entkommen. Zurück nach Deutschland kehrte Heym als Sergeant der US Army und Mitkämpfer der zweiten Front in der Normandie. Die weitere Vita: Mitglied im PEN Zentrum Ost wie West, Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes, Bücher, Bücher, Bücher (Hostages, Fünf Tage im Juni, Ahasver, Der König David Bericht, Radek, …) Jüdischer Emigrant, Schriftsteller, US-Soldat, Zeitungsmacher, regimekritischer DDRBewohner, Weltbürger, eigenständiger Kopf und moralische Instanz – all das wird deutlich in einer Autobiographie, die in selbstdistanzierter Betrachtung ganz nebenbei 70 Jahre deutscher Geschichte umfasst. Erstmals 1988 erschienen, endet die Autobiographie vor der Wiedervereinigung. Heym war dann ja auch noch Alterspräsident des Deutschen Bundestages – ausgestattet mit einem Direktmandat vom Prenzlauer Berg (vor dessen Schwabisierung). Ein altersweises, beeindruckendes Werk. Gebraucht schon ab 1 Cent erhältlich.

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