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Tschüs, Volksbühne. Der Abschied vom Castorf-Team fällt umso schwerer, als vor ein paar Jahren schon das Gorki-Theater an den Zeitgeist verloren ging.

Danke für “der die mann“ (großartig! großartig!), „Murmel, Murmel“, „Die Kabale der Scheinheiligen“, „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, „Keiner findet sich schön“, „Volksbühnen-Diskurs“, „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“, „Pfusch“, „Diskurs über die Serie und Reflexionsbude (Es beginnt erst bei Drei), die das qualifiziert verarscht werden great again gemacht hat etc.“, „Faust“. Oder, länger zurückliegend: „Der Meister und Margarita“, „Die Schneekönigin“. Für „Der Spieler“, „Die Brüder Karamasow“ und „Ein schwaches Herz“ fehlte mir das Sitzfleisch, aber meine Frau und Gefährtin war hingerissen.

Danke an den Intendanten, die Regisseure und die Schauspieler. An Dramaturgie, Kostüm, Licht, Bühnenbild.

Das Publikum erhebt sich geschlossen von Parkett bis Rang und applaudiert den letzten Vorstellungen im Versuch, den Moment verweilen zu lassen.

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Das Wochenmagazin Die Zeit hat Leser mit unterschiedlichen politischen Ansichten zusammengebracht, damit sie miteinander ins Gespräch kommen: „Deutschland spricht“. Ein Artikel aus der Tastatur des Leiters der Online-Redaktion der Zeitschrift Jochen Wegner illustriert, was immer noch schiefläuft in der Diskussion zwischen den Deutschländern.

Wegner trifft sich mit Mirko (kann ja nicht jeder Ronny heißen) und spricht mit ihm unter anderem über Flüchtlinge. „Oder, wie wir im Prenzlauer Berg sagen, Geflüchtete.“ Ist das Hybris, Satire, Zynismus? Prenzlauer Berg, der gentrifizierte Ostberliner Stadtbezirk, den viele Alteingesessene verlassen mussten, weil sie nach Luxussanierungen weder die Eigentumswohnungen kaufen noch die höheren Mieten zahlen konnten oder wollten? Der Artikel hat mich an eine Zeichnung des Karikaturisten OL aus seiner witzigen Prenzelberg-Serie „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ erinnert.  Dort fragt eine der titelgebenden Mütter eine andere Frau auf der Straße erstaunt: „Ach, Sie kommen aus Ostberlin? Wen wollen Sie denn hier besuchen?“ Ähnlich erstaunt betrachtet der Zeit-Journalist seinen Gesprächspartner und stellt überrascht fest, dass sie in manchem einer Meinung sind. Sind sie nicht putzig, diese Eingeborenen? Immerhin erkennt Wegner, dass er sich in einer Filterblase bewegt.

Kommentieren konnte ich den Beitrag auf der Zeit-Plattform übrigens nicht. Oder doch, nur veröffentlicht wurde der Kommentar nicht.  Vielleicht hätte ich bei der Anmeldung keine russische Mailadresse angeben sollen. Wobei mir einfällt, dass Wladimir Wladimirowitsch mit seinen Zahlungen an mich ganz schön im Rückstand ist. Wofür tue ich das alles hier überhaupt?

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Am 22. Juni vor 75 Jahren hat Deutschland die Sowjetunion angegriffen.  Das ZDF thematisierte den Überfall gestern  am Ende seiner Sendung heute-Journal. Die Sprecherin: Der Krieg habe “27 Millionen Sowjets” das Leben gekostet.

Sowjets! Der Lerchenberg ist offenbar immer noch oder schon wieder im kalten Krieg.   Tote Soldaten und Zivilisten als Sowjets zu bezeichen ist geschmacklos und herabwürdigend und die Verlängerung eines alten Feindbildes. Oder ist vorstellbar, dass ein Nachrichtensprecher der Öffentlich-Rechtlichen in einem ähnlichen Beitrag über die Weltkriegstoten der USA von “400.000 toten Amis” spricht?

Offiziell war alles Völkerfreundschaft in der DDR. Und für die Unterdrückten anderer Länder gab es Soli-Konzerte,  Soli-Basare und Soli-Altpapiersammeln.  Was kaum jemand weiß: Die DDR war zugleich auch Gehilfe bei der Abschottung  der Bundesrepublik gegen Asylbewerber.

Wer in die DDR wollte, benötigte zumeist ein Visum. Bundesbürger und ähnlich zuverlässige Schwerkapitalisten bekamen  es zum Beispiel als Tagesvisum für Berlin an den Grenzübergangsstellen. Längere Urlaubsreisen konnten sie über Reisebüros buchen, die sich um die weiteren Formalitäten gekümmert haben.  Visa wurden auch von Konsulaten und den Konsularabteilungen der DDR-Botschaften erteilt – es sei denn,  die Antragsteller kamen aus Ländern, die als Heimatländer potenzieller Bewerber um Asyl in der Bundesrepublik galten.  Die entsprechende Länderliste wurde von den DDR-Behörden laufend aktualisiert und enthielt Ende der 80er Jahre zwischen zwanzig und dreißig Staaten, darunter Indien und zahlreiche weitere  asiatische und afrikanische Länder.  Deren Staatsangehörige erhielten selbst dann kein Einreisevisum für die DDR, wenn sie einen touristischen Aufenthalt gebucht hatten, was behördenintern damit begründet wurde, dass dieser Besuch mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Vorwand sei, um in die Bundesrepublik weiterzureisen und dort Asyl zu beantragen.  Auch Transitvisa durften nur erteilt werden, wenn ein Anschlussvisum der Bundesrepublik oder eines anderen westlichen Staates vorgelegt werden konnte.

Ob und in welcher Form sich die Bundesrepublik für diese Dienste erkenntlich gezeigt hat, entzieht sich der Kenntnis des Autors.

 

Torsten Preußing war beim Rundfunksender Stimme der DDR Reporter, Redakteur, Kommentator und Moderator in der Redaktion Bunte Welle. Er stellt dem Blog “Auf Achse für die Solidarität  zur Verfügung”, Auszüge aus seinen Erinnerungen an die  Zeit beim Rundfunk . Vollständig erschienen sind sie im Buch “Spurensicherung III, Leben in der DDR”, GNN-Verlag Schkeuditz.  Vielen Dank für die Einblicke in das Berufsleben und die Zeit!

“Der Traum vom Radio

Ungelogen: Seit meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Rundfunkreporter werden. Allerdings blieb meine Mutter zeitlebens der Meinung, dass die liebe Verwandtschaft mir “diesen Floh ins Ohr” gesetzt hätte, weil sie sich davon versprach, das kindliche Plappermaul auch endlich einmal abschalten zu können.

Immerhin war aber in meiner Familie das Ein- und Ausschalten von Radioapparaten so selbstverständlich wie heute das Zappen mit der Fernbedienung durch Dutzende von Fernsehkanälen. In der Mitte der 50er Jahre, dazu in Hennigsdorf bei Berlin, konnte das jedoch nicht jeder von sich behaupten. Und wie meistens besonders die Dinge des Lebens die größte Anziehungskraft entfalten, die am weitesten entfernt oder am wenigsten erschwinglich erscheinen, so zog dieses faszinierende Funk-Medium auch mich in seinen Bann. Ja, noch heute lässt mich der Gedanke immer wieder staunen: “Die ganze Luft ist ja voller Radio!”

Im Vergleich aber zum aktuellen Gedränge, Geschiebe und dem mitunter heillosen Geschubse im Äther mag dieser Ausruf vielleicht übertrieben klingen. Schließlich gab es seinerzeit der Sender noch nicht allzu viele. Mein “Radiomenü” beispielsweise bestand aus dem Deutschlandsender, aus Radio DDR und dem Berliner Rundfunk. Hinzu kamen (abgeschirmt mit Kopf- und Sofakissen) RIAS Berlin, Sender Freies Berlin, der amerikanische Soldatensender AFN sowie gelegentlich auf schwankenden Mittelwellen der DDR-gestützte Freiheitssender 904 der westdeutschen KPD. Aber allein diese Stationsnamen sagen wohl nicht nur dem Insider, welche Antennenstürme solch eine “himmlische” Konstellation auszulösen vermocht hatte. Es wurde gefunkt, was das Zeug hielt, hin und zurück, kreuz und quer, auf dass die Drähte glühten und die Funken stiebten. Die Gründe dafür seien einmal zurückgestellt, sie sind auch hinreichend bekannt. Die “stürmische Anteilnahme” des Publikums ebenso.

In dieses Getümmel mich hineinstürzen zu können und einen hörbaren Teil von mir einzubringen, sollte gleichermaßen Ziel und Motivationsgrundlage während meiner gesamten Schulzeit bleiben. Und als an deren Ende, kurz vor den letzten Abiturprüfungen, ein kleiner Brief mich aufforderte, an einem Frühsommertag des Jahres 1965 beim Deutschlandsender im Funkhaus Nalepastraße von Berlin-Oberschöneweide vorzusprechen, “zwecks Aufnahme eines Volontariats”, da war es an mir, ungläubig aus der Wäsche zu gucken. Wie viel Unkenrufe hatten mich begleitet: “Willst wohl was Besseres werden?” Die zweifelnde Ungewissheit war nach recht eigenartigen Aufnahmeprüfungsgesprächen an der Karl-Marx-Universität Leipzig nicht unbedingt gewichen, und selbst die eigene Familie mit Tanten und Onkeln, denen mehr als die Volksschulabschlüsse der Vorkriegszeit nicht vergönnt waren, sah inzwischen statt spöttisch einigermaßen skeptisch auf das “Küken”, das zum vermeintlichen Höhenflug ansetzen wollte. Andererseits wurden die meisten meiner Verwandten aber auch von einem ungemeinen Stolz getragen, der in der traditionsreichen Hennigsdorfer Arbeiterbewegung wurzelte. Und aus ihr waren sie erwachsen. Nicht wenig hatten sie dabei mitgemacht. Vom bewaffneten Widerstand gegen den Kapp-Putsch über den Hundert-Tage-Streik der Stahlwerker bis zu Faschismus und Krieg. Auch der Siebzehnte Juni war nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Doch solange die Sippe auch zurückdachte, auf eine höhere Schule war weder einer aus der mütterlichen noch jemand aus der väterlichen Linie verschlagen worden. “Und jetzt ausgerechnet dieser Schlaks”, womit mein Onkel Alfred, dem die Gestapo sämtliche Zähne ausgeschlagen hatte, mich meinte. “Willste etwa ‘n zweeter Oertel werden?”

Wenn in jenen Zeiten jemand von außen auf den Rundfunk schaute oder – vor allem – hörte, ohne dessen Inneres zu kennen, dann waren für ihn gewiss die Sportreporter die Könige der Ätherwellen. Auf anscheinend unversiegbare Wortschätze und sicherlich auch riesige Lungenflügel gestützt, übertrugen sie, scheinbar fast ohne Luft zu holen, atemberaubende “Hörbilder” aus fernen Wettkampfarenen, die den Eindruck vermittelten, man wäre unmittelbar dabei und sähe förmlich, wie sich z. B. der Linksaußen durch die vielbeinige Abwehr dribbelte, um dem Mittelstürmer das Leder auf den Kopf zu zirkeln, der es dann mit eisenhartem Schädel unter die Querlatte hämmerte.

Auch heute noch ziehe ich vor diesen Reportern tief meinen Hut. Nur mit einem, weiland an einer langen “Strippe” hängenden, Mikrofon in der Hand doch mit heißem Herzen auf der Zunge erreichten sie fast jedes Wohnzimmer und ließen dort mit treffenden Worten und tollkühnen Metaphern unmittelbar lebendig werden, was andernorts augenblicklich geschah. Im DDR-Hörfunk wurde diese Gilde von Werner Eberhardt, Wolfgang Hempel und eben Heinz Florian Oertel angeführt. Nannte man aber Eberhardt, Hempel, Homrighausen, Knobloch, Kohse u. a. in der Abfolge der Jahre nicht einmal unzutreffend die Könige, dann musste man Oertel neidlos den Thron eines Kaisers der Hörfunksportreportage zugestehen – zumindest was seinen Popularitätsgrad betraf. Und ich gestehe freimütig: Ihm nachzueifern, war gewiss der kleinste Antrieb nicht, der mich meinen Berufsweg gehen ließ. Außerdem war da natürlich auch der Traum, irgendwann – den Sportreportern gleich – die weite, aber hierzulande fast unerreichbare, Welt unter die Füße nehmen zu können …”

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In Dresden versammeln sich Leute unter einer merkwürdigen Abkürzung und demonstrieren gegen Islamisierung.  Gegendemonstranten ziehen gleichzeitig für Weltoffenheit durch die Straßen. Die Lage ist unübersichtlich, aber die Beißreflexe funktionieren:  “Lügenpresse”, “Rassisten”.

Die einen, eher linken und wenig arrivierten DDR-Bürgerrechtler meinen über Pegida, Jesus hätte gekotzt. Anderen wiederum wird angesichts dieser Meinung übel.  Und aus dem Guckrohr der hessischen Staatskanzlei sieht es so aus, als sei die DDR die Ursache für das Dresdner Allerlei.  Weil keine Ausländer und so.

Dass ausgerechnet in Dresden so viele Unzufriedene auf die Straßen gehen, könnte allerdings tatsächlich etwas mit der DDR zu tun haben. Vielleicht entwickeln Menschen mit Ost-Sozialisation eher eine Allergie dagegen, wenn “meinungsbildende Medien” schwarz-weiße Bilder zeichnen.  Warum es unter all den komplexen Problemen ausgerechnet die Ausländerpolitik ist, gegen die demonstriert wird, erkläre ich mir mit der Hoffnung eines gewieften Organisators auf besonderen Zulauf.  Burkas in der Fußgängerzone sind einfacher vorstellbar als eine neue Familien-, Steuer- oder Rentenpolitik.  Oder was meinen Sie?

Allen Freunden dieses Blogs  wünsche ich ein friedliches, gesundes 2015. Möge das neue Jahr glitzern und funkeln!

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Das Jubiläum des Mauerfalls und die Koalition in Thüringen rücken sie wieder ins Bild, die ehemalige dahingeschiedene für immer verblichene Ex-DDR.  Und mit ihr den Begriff vom Unrechtsstaat.

Wem in der DDR himmelschreiendes Unrecht geschehen ist, der wird die DDR als Unrechtsstaat empfinden. Und alle anderen, die weder Opfer noch Täter waren und versucht haben, das Beste daraus zu machen aus ihrem Hineingeborensein?

Der Begriff Unrechtsstaat wirkt wie  Kampfbegriff.  Damit der bundesdeutsche Rechtsstaat im Vergleich umso heller strahlt, wird ein ganzes halbes Ländle auf ein Wort reduziert.

Oder was meinen Sie?

Dass Leute, denen in der DDR himmelschreiendes Unrecht geschehen ist, die DDR als Unrechtsstaat empfinden – die durchweg wütenden Kommentare zur vorigen Kolumne sind verständlich.
Götz Aly hat trotzdem recht. Der Begriff Unrechtsstaat ist vor allem ein Kampfbegriff. Er hat die akademischen Diskutierstuben erst mit dem Ende der DDR verlassen – damit der bundesdeutsche Rechtsstaat im Vergleich umso heller strahlt, wird ein ganzes halbes Ländle auf ein Wort reduziert. Dabei vergisst man leicht, wie unübersichtlich die politische Landschaft war, als an die Stelle von Nazi-Deutschland etwas Neues treten musste und auch die USA keinesfalls ein Hort lupenreiner Demokraten waren, sondern ein Staat, in dem Gewerkschafter ermordet wurden, während Politik und Polizei beide Auge zugedrückt haben.  Man lese in der Autobiografie Stefan Heyms nach, was ihn aus den Staaten zurück nach Europa getrieben hat.
Die meisten DDRler waren weder Täter noch Opfer. Sie haben versucht, das Beste zu machen aus ihrem Geborensein im Osten Deutschlands und dabei anständig zu bleiben.  Und den allermeisten ist das sogar gelungen. Das auf den Begriff Unrechtsstaat zu reduzieren wäre so, als würde man die alte Bundesrepublik konsequent und immer als halbsouveränen Nachfolgestaat Hitler-Deutschlands deklinieren.
Und wenn sich heute vor allem Westdeutsche fragen, wo sie denn hergekommen sind, die zahlreichen informellen Mitarbeiter des MfS, dann rate ich ihnen, sich doch einfach mal umzuschauen, wer von ihren Kollegen besonders karrieristisch oder besonders manipulierbar ist.
Dazu passt übrigens, dass der Bundesbeauftragte für Stasi-Akten auffordert, man möge ihm mitteilen, welche Person man namentlich der Stasi-Mitarbeit verdächtigt, wenn man Klarheit hinter die Decknamen „seiner“ Spitzel bekommen möchte. Das ist dann natürlich keine Denunziation, sondern im Interesse der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit.

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