From the monthly archives: Juni 2015

Lesenswerter Ausflug in die Psyche einer Gesellschaft

Psychotherapeut Maaz hat ein ganzes Ländchen auf die Couch gesetzt und dabei Lesens- und Bedenkenswertes herausgefunden. Er beschreibt, wie die Ostdeutschen in der von Repression und Mangel geprägten Atmosphäre der DDR ihre ursprünglichen Gefühle nicht ausleben konnten und deshalb die Lebensgeschichten von Resignation, Passivität und Unterwerfung geprägt gewesen seien. Einen an der Waffel (Maaz schreibt von Charakterdeformierung) hatten demnach alle – Machthaber und Mitläufer ebenso wie Oppositionelle, Ausreisende und Utopisten. Sich davon zu befreien sei manchmal in einer Psychotherapie gelungen – hört, hört. Die Wende habe nicht dazu geführt, die Ursachen der Charakterdeformierung aufzuarbeiten (und so zu innerlich wahrhaft freien Menschen zu werden), weil an Stelle der alten zwanghaften Handlungen neue getreten wären, wie die Jagd nach der D-Mark.

Für den alten Westen diagnostiziert Maaz ähnliche Deformierungen. Anstatt sich mit der gigantischen Schuld von Nazi-Deutschland (und damit auch der Eltern und Großeltern) auseinanderzusetzen, sei die Gefühlsenergie umgeleitet worden in ein süchtiges Mantra von Karriere, Wachstum und Wohlstand, das durch äußeren Erfolg verhindere, dass man sich den eigentlichen Gefühlen stellen müsse. Jeder, der einen Blick auf die besonders dynamischen Karrieristen unter seinen Kollegen wirft, wird das ohne Weiteres bestätigen können.

Das Buch hat Maaz, wie er in seinem Nachwort schreibt, innerhalb von zwölf Wochen “wie im Fieber” geschrieben, auch als Bestandteil einer Selbst-Therapie, zu der auch schon die Berufswahl gehört habe. Herausgekommen ist dabei ein Mittelding zwischen Fachbuch und populärwissenschaftlicher Darlegung, zwischen Analyse und Gefühligkeit. Fachbegriffe, die nicht erklärt werden (wenn es um narzisstische Störungen geht zum Beispiel) gestalten das Lesen mitunter holprig. Spannend ist es trotzdem: Das Buch gibt einen Anstoß, der eigenen Kindheit und Jugend hinterherzugrübeln, Handlungen (oder deren Fehlen) einzuordnen.

Ob sich aber tatsächlich die Psyche eines ganzen Landes sezieren lässt? Und wie mag es dann um die Psyche anderer Länder bestellt sein? Zwar geht Maaz auch kurz auf Rahmenbedingungen außenpolitischer, kultureller, wirtschaftlicher oder sozialer Natur ein, wie die Perestroika, aber letztlich erschließt er die Wende aus der Psyche heraus. Ursache allen Handelns und Bleibenlassens sind demnach ungeklärte Beziehungen zu den Eltern – das Gefühl mangelnder Liebe, mangelnden Angenommmenseins, mangelnder Akzeptanz. Unwohl wurde es mir bei den Ausführungen zur Gewaltfreiheit der 89er Revolution, bei Maaz auch Ausdruck einer Unfähigkeit, mit aggressiven Gefühlen umgehen zu können. Was er damit sagen will, gelingt ihm nur unzulänglich zu vermitteln.

Für mich ein lesenswertes Buch mit vielen treffenden Aussagen. Ob diese auch von so generalisierter Wahrhaftigkeit sind, wie Maaz behauptet – ich weiß es nicht. Vielleicht hat ja die ganze Menschheit eine Klatsche. Die Leser dieser Rezension natürlich ausgenommen.

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DDR-Kommentare eines Deutschen mit sowjetischem Pass

Lochthofen, Jahrgang 1953, breitet eine spannende Biografie aus: Der Vater ein von Stalins Großem Terror ins Lager nach Workuta verbannter deutscher Kommunist, später wegen seiner Verdienste als Werkleiter ins Zentralkomitee der SED aufgerückt, die Mutter eine Russin, die Kindheit am Lagerzaun, der Besuch einer russischen Garnisonsschule im thüringischen Gotha, Student in der Sowjetunion und in der DDR. Dort diplomiert er in Journalistik, arbeitet dann für die Parteizeitung des Bezirks Erfurt, die zum Ende des Buchs sich zur Thüringer Allgemeinen wendet – mit ihm an verantwortlicher Stelle.

Der Autor wandert zwischen den Welten, gehört überall ein bisschen dazu, bleibt überall auf Distanz; vor allzu großen Widrigkeiten beim Löcken gegen den Stachel schützen die ZK-Vergangenheit des Vaters und der sowjetische Pass. Ja, so war sie in weiten Teilen, die Realität im ehemaligen Vaterland der Werktätigen und der noch ehemaligeren größten DDR der Welt. Betonköpfe, Oppositionelle und alle Zwischenschattierungen. Man erkennt sie beim Lesen wieder. Lochthofen posiert ein bisschen und gibt den abgeklärten Bescheidwisser, immer auf der Höhe der Zeit und einen Tick gewiefter als alle anderen, was das Lesevergnügen etwas trübt.

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