From the monthly archives: Juli 2015

BAAAL kommt über die Großgemeinde Salow, die Befugte Anstalt für Ab- und Auflösungen. Denn es kann nicht sein, dass die örtliche Land- und Forst AG Grafschaft das vormalige Staatseigentum zum Wohle der Bewohner selber verwaltet, wo doch Privatisierung das Gebot der Stunde ist und alles für ‘ne Mark rausmuss. Um dann richtig teuer weiterverscherbelt werden zu können, bis alles in Scherben liegt. Zum Glück ist Salow mit einem pfiffigen Schulzen gesegnet und dieser mit listigen Mitverschwörern. Mit Bauernschläue und dem Geld des letzten Nachkommen der einstigen Großgrafen retten sie, was zu retten ist: eine intakte Gemeinschaft, in der niemand reich wird, aber alle ihr Auskommen haben. Lokalkolorit, Anekdoten und ein Happy-End: ein hübsches Wiedervereinigungshistörchen.

“Die Geschichte und ihre Personen hat der Autor frei erfunden, ohne eine Wirklichkeit abbilden zu wollen. Dieser entommen ist einzig der Käfer Anton”, versichert Brězan (1916–2006).

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Ein Warenhausdirektor und ein Schriftsteller tauschen die Rollen, überzeugt davon, dass ja nicht so schwer sein kann, was der andere da macht. Rolf Ludwig, unvergessen, spielt die Zwillinge und schafft es, jedem eigene Züge zu verleihen und dabei immer der Schelm zu sein, als den ihn seine Verehrer schätzen. Die 1973 entstandene Geschichte an sich ist wenig originell, aber die Umsetzung erfreut mit satirischen Seitenhieben gegen DDR-”Versorgungsengpässe”, mit viel 70er-Jahre-Kolorit, Moritaten-Gesang und hübschen Einfällen, wie der Darstellung der Schauspieler auf einer “Straße der Besten” beim Abspann. Dass auch alle sonstig an der Produktion Beteiligten mit Fotos gewürdigt werden, ist mir auch von keinem anderen Film in Erinnerung.

Da der Film in Ihrer Videothek um die Ecke kaum angeboten wird und die Zahl der Fernsehsender, die ihn ausstrahlen könnten, nicht eben groß scheint: Gebraucht gibt es ihn ab 6 Euro, eine angemessene Investition in ein Stück schwarzweiße Vergangenheit.  Rolf Hoppe spielt auch noch mit.

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Viele Fakten, viel Ideologie
Das Buch schildert Geschehnisse und Verhandlungen auf dem Weg zur Wiedervereinigung und stützt sich dabei auf zahlreiche Quellen: Wer von den SED-Reformern hat damals was mit wem in Moskau besprochen, wer hat sich an die Absprachen nicht gehalten, wie hat sich die Position der Westmächte und der BRD-Regierung hinsichtlich des Tempos der Vereinigung entwickelt, wie haben sich SED-Gremien umstruktuiert. Eine in Umrissen chronologische Darstellung ist eingebettet in Überlegungen grundsätzlicher Natur. Das ist sehr faktenreich und interessant, wenn zum Beispiel anhand von Dokumenten versucht wird, die Motive Schabowskis für seine Grenzöffnung via Pressekonferenz und dem “… gilt das unverzüglich, sofort” zu enträtseln (nach Meinung der Autoren weder ein Versehen noch Uninformiertheit, sondern Eigendarstellung, um Krenz die Show zu stehlen) oder die einzelnen Berater Gorbatschows zu Wort kommen. Kompliment für diesen Detailreichtum.
Die Autoren, bei der Erstveröffentlichung des Buchs knapp 70 und knapp 80 Jahre alt, trauern dem nach, was aus der DDR hätte werden können, wenn sich 1989/90 nur die richtigen Reformer durchgesetzt hätten. Sie bleiben dabei den Dogmen ihres DDR-Lebens auf eine Weise verhaftet, die auf starken Glauben oder Altersstarrsinn hindeutet und dem Buch einiges von seiner Wirkung nimmt: Lenin war gut, Krenz ein Hoffnungsträger und Reformer, der Klassengegner kocht sein Süppchen. Und da stehen sie dann auch ohne erkennbare Distanz, die realsozialistischen Sprachfloskeln von der UdSSR als dem ersten Arbeiter- und Bauernstaat, der Unverbrüchlichkeit usw. Der Rückblick auf die DDR ist verklärt, der kurze Blick in die Gegenwart am Ende des Buchs getrübt. Das wirkt so, als ob jemand zwar nicht in der Lage ist, Ursachen einer Erkrankung zu diagnostieren, aber trotzdem schon mal eine Gallone vom einzigen im Haus vorhandenen Medikament anschleppt – mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum.

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70 Jahre deutscher Geschichte in altersweiser Betrachtung

L’art pour l’art? Nein, Kunst um der Kunst willen ist nicht das Prinzip des Stephan Heym (1913–2001). Er hat sich eingemischt mit seinen Romanen und Artikeln, hat Anstöße gegeben und Anstoß erregt – sogar über seinen Tod hinaus: Der Friedhof bestand darauf, den Grabstein entsprechend den eigenen Vorschriften und entgegen des testamentarischen Wunsches zu gestalten; schließlich wurde ein Kompromiss gefunden.

Heym, 1913 als Sohn eine jüdischen Kaufmanns in Chemnitz geboren, flog 1931 wegen eines antimilitaristischen Gedichts vom Gymnasium und floh vor der Pogromstimmung nach Berlin, wo er studierte und nebenher Artikel für Zeitschriften schreib. Nach Hitlers Machtantritt konnte er über Tschechien in die USA entkommen. Zurück nach Deutschland kehrte Heym als Sergeant der US Army und Mitkämpfer der zweiten Front in der Normandie. Die weitere Vita: Mitglied im PEN Zentrum Ost wie West, Vorsitzender des Deutschen Schriftstellerverbandes, Bücher, Bücher, Bücher (Hostages, Fünf Tage im Juni, Ahasver, Der König David Bericht, Radek, …) Jüdischer Emigrant, Schriftsteller, US-Soldat, Zeitungsmacher, regimekritischer DDRBewohner, Weltbürger, eigenständiger Kopf und moralische Instanz – all das wird deutlich in einer Autobiographie, die in selbstdistanzierter Betrachtung ganz nebenbei 70 Jahre deutscher Geschichte umfasst. Erstmals 1988 erschienen, endet die Autobiographie vor der Wiedervereinigung. Heym war dann ja auch noch Alterspräsident des Deutschen Bundestages – ausgestattet mit einem Direktmandat vom Prenzlauer Berg (vor dessen Schwabisierung). Ein altersweises, beeindruckendes Werk. Gebraucht schon ab 1 Cent erhältlich.

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Lakomy (1946-2013)  war  Musiker, Sänger, Liedermacher, Komponist.  Entsprechend beschwingt kommt seine Autobiografie daher – ein vergnügliches Lesen auch für diejenigen, die andere musikalische Vorlieben hegen.  Das Lesevergnügen wird gewürzt von trockenem Humor, Seitenhieben auf bekannte Namen und dem Abgleichen mit eigenen Erinnerungen.

Das erste Fummeln mit einem Mädchen: “Plötzlich spürte ich etwas hügelig Festes, Knorpeliges. ‚Was’n das?‘, frage ich erschrocken. Doris antwortete: ‚Das isse.‘” Bei den Seitenhieben kriegt zum Beispiel Biermann zuerst Bewunderung und dann sein Fett ab, Dagmar Frederic  zählt ebenfalls nicht zu den Lieblingen Lakomys. Auch Manfred Krug kommt nicht sonderlich gut weg, besser ergeht es Günther Fischer, Klaus Lenz, Ulli Gumpert, Baby Sommer, Angelika Mann  und natürlich Monika Ehrhardt, seiner Frau, mit der zusammen er viele Kinderlieder rund um den Traumzauberbaum veröffentlicht hat.  Auf Genres lässt Lakomy sich ohnehin nicht festlegen: Jazz, Schlager, Lieder, elektronische Musik …  Mitunter scheint der Rückblick in übergroßer Altersmilde zu erfolgen, wenn Lacky, wie  viele ihn nennen, in  Zuschauerzahlen seiner Konzerte und in seinen Plattenverkäufen schwelgt.

Irgendwo beim mir im Haushalt muss noch “Lackys Dritte” stehen, seit langen Jahren nicht gehört und auch nicht vermisst. Als Sänger war er mir immer ein bisschen zu gestylt kauzig.  Vielleicht sollte ich mich ja auf die Suche machen.

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