Das Buch “Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen”  entstand 2013. Seine Thesen sind aktuell.

Wer über Migration sprechen will, stolpert rasch über Tabus und Gerede. Und offenbar bilden wir uns unsere Meinung oft nicht etwa dadurch, dass wir Argumente abwägen – die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wir haben stattdessen eine vorgefasste Meinung und nehmen von den Argumenten nur diejenigen zu uns, die unsere Meinung stützen.

Collier ist Nachkomme deutscher Einwanderer und forscht in Oxford zu Ökonomie, Demokratie, Migration. Mit seinem Buch will er unter Einschluss vieler Argumente Einwanderung von einem Tabuthema zu einem Gegenstand politischen Handels aufwerten. Dabei betrachtet er die ökonomischen und die sozialen Folgen von Migration sowohl für die aufnehmenden Gesellschaften als auch für die Herkunftsländer.

Als Hauptursache für die Migration aus armen Ländern sieht Collier das Gefälle in den Sozialmodellen, worunter er eine Kombination aus Normen und Institutionen versteht. Das Sozialmodell wirtschaftlich armer Länder sei oft dysfunktional, weil eine herrschende Elite nicht die Interessen der Nation verfolge, sondern Eigeninteressen und die ethnischer Clans. Migrieren würden nicht die Bedürftigsten, sondern Angehörige des Mittelstands, die Geld dafür hätten. Bei geringer Einwanderung seien die wirtschaftlichen Folgen für das aufnehmende Land auf lange Sicht unbedeutend. Bei Masseneinwanderung prognostiziert Collier, dass die Löhne der meisten einheimischen Arbeiter beträchtlich sinken und auf diesem Niveau stagnieren würden.

Als schwerwiegender sieht er die sozialen Folgen einer Massenmigration. Fehle die Bereitschaft der Einwanderer zur Assimiliation oder zumindest Verschmelzung, weil sie unter sich blieben oder wie Siedler ihr kulturelles Modell exportierten, führe das zu weniger Kontakten mit den Eingesessenen und zu einer niedrigen Absorptionsrate. Das schädige das Sozialmodell der aufnehmenden Gesellschaft und dessen Erfolgsgrundlagen Vertrauen, Kooperation und die gegenseitige Rücksichtnahme  – womit Collier auch die Bereitschaft meint, weniger Erfolgreiche zu unterstützen, damit sich die soziale Schere nicht weiter öffnet. Je größer die nicht absorbierte Auslandsgemeinde, desto geringer sei das Vertrauen zu dieser. Aber auch innerhalb der „Mehrheitsgesellschaft“ sinke dann das Vertrauen ineinander. Collier zitiert eine Studie, derzufolge sich die einheimische Bevölkerung „wegducke“, die Leute mehr unter sich blieben, sich weniger am sozialen Leben beteiligten, misstrauischer würden. Die Bereitschaft sinke, durch Steuermittel einen Sozialtransfer zu ermöglichen: Bedürftige würden vor allem als Fremde empfunden und nicht mehr wie bisher als jemand wie man selbst, der bei unverschuldeter Not Hilfe verdient.

Als Lösung sieht er eine neue Einwanderungspolitik und die Stärkung des Nationalstaats, der alle Bewohner des Landes einbezieht, also auch die neuen. Migrationsbeschränkungen seien kein Nationalismus und Rassismus, sondern „immer wichtiger werdende Werkzeuge der Sozialpolitik“. Zum vorgeschlagenen Maßnahmenpaket gehört eine Obergrenze für Einwanderung, die als Saldo auszutarieren sei. Bei der Zusammensetzung der Migration müsse es um Qualifikation, Arbeitsmarktfähigkeit, kulturelle Herkunft und Schutzbedürftigkeit gehen. Einen Nachzug von Familienangehörigen sieht Collier skeptisch, weil neue Zuzügler in eine nicht absorbierte Auslandsgemeinde soziale Kosten verursachten – im Unterschied zu ökonomischen Gewinnen infolge von Arbeitsmigration. Illegale Einwanderer sollten legalisiert, aber auf die Obergrenze angerechnet werden. Von der aufnehmenden Gesellschaft sei zu verlangen, dass sie alle ihre Organisationen für Einwanderer öffne und deren Integration fördere. Von den Migranten sei die Bereitschaft zur Integration einzufordern.  Im Unterschied zur Migration sei das Asyl zu sehen: ein zeitlich begrenztes Aufenthaltsrecht, das mit dem Wegfall des Asylgrundes erlösche. Das sei auch im Interesse der Herkunftsländer, die nach Friedensschluss auf qualifizierte Rückkehrer angewiesen seien. Aus ähnlichen Gründen plädiert er auch dafür, ökonomisch rückständige Länder durch freien Warenverkehr und die Förderung von Ausbildung zu unterstützen.

Collier ist nicht immer schlüssig, zum Beispiel wenn er zwischen Normen und Regeln,  Institutionen und Organisationen begrifflich, aber nicht inhaltlich unterscheidet. Verschiedentlich verweist er auch darauf, dass nicht genügend Zahlen zur Verfügung ständen, um belastbare Szenarien zu entwerfen, zum Beispiel was die zuträgliche Anzahl von Migranten betrifft. So bleibt er notgedrungen vage und wirkt dann orakelhaft. Manchmal liest sich das Buch auch wie Binsenweisheiten, geadelt durch die akademischen Meriten des Autors.

Einige Fingerzeige sind aber hilfreich für  aktuelle Diskussionen, zum Beispiel über das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst. Einen Schleier zu tragen verhindere die gegenseitige Rücksichtnahme. In Großbritannien, wo das Thema von staatlicher Einmischung frei bleiben sollte, trügen immer mehr Frauen aus Bangladesch einen Schleier, obwohl dies in Bangladesch unüblich sei – offenbar, um sich von der einheimischen Bevölkerung abgrenzen. Interessant sind auch die Hinweise darauf, wie Einwanderung zu weiterer Einwanderung führt. Collier  hat dafür die Vergrößerung der Auslandsgemeinde in den OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) von 1960 bis 2000 untersucht. Nach seinem Befund ziehen 10 zusätzliche Mitglieder einer Auslandsgemeinde am Anfang eines Jahrzehnts 7 neue bis zu dessen Ende an. In den 40 Jahren der Untersuchung seien so aus 10 zusätzlichen Mitgliedern 83 geworden.

Bedenkenswert ist auch Colliers These, dass der im Vergleich zu den USA ausgebautere Sozialstaat westeuropäischer Länder auf die größere kulturelle Homogenität des jeweiligen Landes und die damit verbundene höhere Akzeptanz von Umverteilungsmechanismen zurückgeführt werden kann. Wann kippt diese Bereitschaft?

Das Thema Migration verdient nüchterne Betrachtung. Colliers Buch leistet dies.

Zum Abschluss  dieser Rezension sei an Arthur Schopenhauers “Aphorismen zur Lebensweisheit” erinnert: “Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt …  Jede Nation spottet über die andere, und alle haben recht.”

Interview Colliers mit dem Online-Journal IPG (2016)

Aphorismen zur Lebensweisheit

 

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