Die SPD-Bundestagsabgeordneten aus dem Osten treten in einem Beschluss dafür ein, den Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen zu erhöhen. Stimme der DDR hat nachgefragt bei Frank Junge, Vorsitzender der Landesgruppe Ost der SPD-Bundestagsfraktion.

Herr Abgeordneter, die Ostdeutschen haben einen Anteil von 17 Prozent an der Bevölkerung, stellen aber nur 1,7 Prozent bei Spitzenpositionen in der Wirtschaft und Verwaltung. Woran liegt das?

Frank Junge, Vorsitzender der SPD-Landesgruppe Ost im Bundestag

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Einerseits dauert es seine Zeit, eine Karriereleiter zu erklimmen. Wer heute ganz oben ist, hat seine Laufbahn schon in den 90er Jahren gelegt. Da haben natürlich die Menschen aus den alten Ländern einen klaren Vorsprung. Zudem ist ohne gute Kontakte beruflicher Aufstieg schwer möglich. Ich beobachte an vielen Stellen, dass die Netzwerke aus der alten Bundesrepublik noch heute hervorragend funktionieren.

Als Vertreter der ostdeutschen SPD-Bundestagsabgeordneten haben Sie eine Initiative gestartet, die mehr Ostdeutsche in Führungsgremien bringen soll. Wie wollen Sie das erreichen?
Wir wollen da ansetzen, wo wir als Abgeordnete etwas tun können: in Bundesbehörden. Es gibt im Grundgesetz den Artikel 36, nach dem in obersten Bundesbehörden Beamte aus allen Ländern angemessen zu verwenden sind. Das gilt für die Bundestagsverwaltung und Ministerien. Wir wollen, dass genau definiert wird, was angemessen in diesem Fall bedeutet, und dass anschließend der Artikel umgesetzt wird. Denn derzeit ist das ganz sicher nicht der Fall.
Zugleich fordern wir mehr Bundesbehörden in den neuen Bundesländern. Nur wenn mehr Ostdeutsche auf allen Ebenen in Bundesbehörden arbeiten, kann letztlich auch die Präsenz in Führungspositionen verbessert werden. Gutes Personal muss qualifiziert werden. Gleichzeitig wollen wir eine Untersuchung, wo denn eigentlich das Spitzenpersonal für unsere Verwaltung ausgebildet wird. Wenn es starke regionale Ungleichgewichte gibt, müssen neue Ausbildungsstandorte der öffentlichen Verwaltung aufgebaut werden, um Rekrutierung von öffentlichem Spitzenpersonal in der ganzen Bundesrepublik zu verbessern.
Was wir ausdrücklich nicht wollen, ist eine “Ossi-Quote”,  auch wenn es vielleicht die einfachste Antwort ist. Sie würde aber zu einer Stigmatisierung der gut ausgebildeten, qualifizierten Menschen führen.

Auch im Bundestag gibt es 104 Referate, aber nur 4 ostdeutsche Referatsleiter. Wie sieht es in den Spitzengremien der SPD aus?
Von den 46 Mitgliedern unseres Parteivorstands kommen neun aus den ostdeutschen Bundesländern. Wir haben kluge Köpfe im Osten, die sich etabliert haben.

Geht es nur um eine dem Bevölkerungsanteil entsprechende Beteiligung – oder können Ostdeutsche Qualitäten einbringen, an denen es Führungskräften mit West-Sozialisation vielleicht mangelt?
Eine gute Präsenz von Ostdeutschen ist kein Mehrwert an sich.  Es geht darum, dass Ostdeutsche ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben, sie kennen Umbrüche und haben sich nach 1990 etwas Neues aufgebaut. Von diesen Erfahrungen kann ganz Deutschland nur profitieren. Zudem wurden viele Ostdeutsche noch in einem anderen System sozialisiert, in dem das Gewinnstreben vielleicht nicht immer an erster Stelle stand.
Für viele Aufgaben in der Verwaltung braucht es Leute, die sich mit den Verhältnissen vor Ort auskennen. Vielleicht wären viele Entscheidungen in der Nachwendezeit anders ausgefallen, wenn mehr Beamte aus Ostdeutschland sie vorbereitet hätten. Ich denke da zum Beispiel an Ungerechtigkeiten in der Überführung der Renten.

Vielen Dank.


 

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