Ein neues Buch zeichnet die Geschichte einer umstrittenen Anstalt nach: “Die Treuhand: Idee – Praxis – Erfahrung 1990-1994″. Der Autor Marcus Böick im Kurz-Interview.

Böick, Jahrgang 1983 und geboren in Aschersleben (Sachsen-Anhalt), lehrt und forscht an der Ruhr-Universität Bochum. Auf den knapp 800 Seiten seines aktuellen Werks (Verlag Wallstein) wirft er einen Blick auf den Wirtschaftsumbau, schildert Auftrag und Organisation der Treuhand und bezieht die widersprüchlichen Erfahrungen der Treuhand-Mitarbeiter ein. Stimme der DDR hat ihn zu seinen Erkenntnissen befragt.

Herr Böick, Ihr neues Buch “Die Treuhand” basiert auf langjähriger Forschungsarbeit zum Thema. Was ist Ihre erstaunlichste Erkenntnis?

Marcus Böick, Foto: privat

Am eindrücklichsten erscheint mir, wie chaotisch dieser gesamte Wiedervereinigungsprozess nicht nur in der Wahrnehmung der damals beteiligten Akteure und Betroffenen gelaufen ist – und, fast noch bemerkenswerter: wie wenig wir bis heute gerade in der Wissenschaft darüber eigentlich wissen bzw. lange Zeit auch wissen wollten. Insbesondere die Treuhandanstalt war ein auf Dauer geschalteter Ausnahmezustand, das sehr bunt zusammengewürfelte Personal empfand sich als avantgardistische Abenteuergemeinschaft an einer Art innerdeutschen “Frontier”. Den “wilden Osten” hat es also in den frühen 1990er-Jahren wirklich gegeben. Bei allen Härten und Krisen ist das eine absolut faszinierende Geschichte.

Sie haben schon in einer früheren Arbeit darauf verwiesen, dass die meisten Ostdeutschen die Treuhand mit Begriffen wie “Abwicklung”, “Ausverkauf”, “Betrug” assoziieren.  Eine zu negative Sicht?

Das hängt natürlich ganz davon ab, wessen Perspektive Sie sich zu eigen machen wollen. Gerade die älteren Ostdeutschen, die diese Zeit aktiv erlebt haben, verknüpfen bis heute ihre negativen Erfahrungen aus dieser Umbruchszeit mit der Treuhandanstalt. Sie ist damit auch langfristig zu einem regelrechten Negativ-Symbol geworden. Wir haben sie in der Studie als eine erinnerungskulturelle “Bad Bank” bezeichnet. Knapp formuliert: Gerade eben war das alte SED-Regime zu Fall gekommen, da strömten nun scharenweise Manager und Experten aus dem Westen in die DDR. Und binnen weniger Monate waren es diese neuen Eliten, die über das Wohl und Wehe von Betrieben, Branchen und Regionen entschieden. Betriebsschließungen, Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit – das alles waren für viele Ostdeutsche als ungemein dramatisch erfahrene Entwertungen ihrer eigenen Berufsbiographie; kein Stein schien im Osten mehr auf dem anderen zu bleiben. Und gerade die exponierte und scheinbar allmächtige Treuhand war da in der Tat, wie es Wolfgang Seibel (Autor und Politikwissenschaftler, d. Red.) sehr früh erkannt hat, eine Art “Blitzableiter” für den Frust des Ostens. Aber dies eben auch langfristig. Die negative Sicht ist also letztlich verständlich. Andere Akteure würden die Vorgänge übrigens völlig anders bewerten, etwa als krisenhafte, aber durchaus sehenswerte Erfolgsstory – ein gelungener Wiederaufbau auf den Trümmern einer komplett maroden Planwirtschaft. Und auch hierfür lassen sich zahlreiche Argumente aufzeigen. Wie gesagt: Es hängt davon ab, wen Sie fragen.

Als die Treuhand eingerichtet wurde, ging der Runde Tisch noch davon aus, es gebe ein Volksvermögen unter die DDR-Bürger zu verteilen. Die Privatisierungsmaschine Treuhand endete dann mit 136 Milliarden Euro Verlust für die Steuerzahler. Nur 6 Prozent des privatisierten DDR-Produktionsvermögens sind in ostdeutschen Händen gelandet. Sind aus vielen dieser Privatisierungen dauerhafte Erfolgsgeschichten entstanden?
Ja, diese Erfolgsgeschichten gab bzw. gibt es durchaus. Sie sind aber sicher kleiner und oft etwas komplizierter – ein großer ostdeutscher Konzern ist nicht aus den Überresten der Planwirtschaft hervorgangen, wie ja auch immer wieder kritisch angemerkt wird. Insgesamt wissen wir aber auch hier noch viel zu wenig über diese “hidden champions” der Transformationszeit, die mittlerweile einen eigenen ostdeutschen Mittelstand gebildet haben. Die Treuhand hat übrigens selbst versucht – nach anfänglichen Schwierigkeiten – sogenannte “Management-Buy-Outs” (MBOs) zu fördern, also die Übernahme von Betrieben durch ihre eigene, meist ostdeutsche Geschäftsführung. Dies war für die beteiligten Personen allerdings oftmals mit ganz erheblichen finanziellen Risiken verbunden, hat aber nicht selten auch zum Erfolg geführt. Doch insgesamt waren die Hürden gerade für Ostdeutsche sehr hoch – nicht zuletzt aufgrund des fehlenden Kapitals. Aber auch hierüber wissen wir im Grunde noch zu wenig. Ein jüngst begonnenes Forschungsprojekt am Institut für Zeitgeschichte wird sich diesem Thema in Zukunft widmen.

Setzt Ihr Buch einen akademischen Schlusspunkt unter das Treuhand-Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte?

Ganz klare Antwort: Nein! Ich habe meine Arbeit eher als Aufforderung bzw. als Angebot an mein eigenes Fach, die Zeitgeschichtsforschung, gesehen, dieses lange völlig vernachlässigte Themengebiet endlich in den Fokus zu nehmen. Noch bis vor Kurzem gab es im zeithistorischen Fach ironischerweise tatsächlich das oft beschworene “Ende der Geschichte”: Und das war am 3. Oktober 1990. Die Wiederherstellung des deutschen Nationalstaates, das Ende des Ost-West-Konfliktes sowie insgesamt der Nachkriegszeit schien damit den langen deutschen “Sonderweg” endgültig beendet zu haben: das vereinigte Deutschland als eine normale Nation inmitten Europas. Dass aber gerade die krisenhaften und konfliktreichen Transformationen und Umbrüche nach Revolution und Einheit 1989/90 auch Teil dieser Geschichte sind – das wurde erst in den letzten Jahren intensiver erkannt. Und gerade die jüngsten Erfolge populistischer Parteien haben natürlich nochmals für auch langfristig fortbestehende Ost-West-Differenzen sensibilisiert. Wir werden gerade in den nächsten Jahren eine ganze Welle an zeithistorischen Transformationsforschungen sehen, auf die wir sehr gespannt sein dürfen.

Vielen Dank.

 

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