Martin Schröder forscht an der Universität Marburg, wie Gerechtigkeits- und Moralvorstellungen das wirtschaftliche und politische Handeln beeinflussen. Zwei seiner Erkenntnisse: Soziale Ungleichheit innerhalb eines Landes macht weniger glücklich. Und: Wenn die soziale Ungleichheit wächst, haben sich die Menschen nach drei bis vier Jahren daran gewöhnt. Das Interview nimmt die Situation in Deutschland in den Blick.

Martin Schröder, Philipps-Universität Marburg, Foto: privat

Herr Professor, die meisten Glücksstudien betrachten den Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Glücksempfinden als Vergleich zwischen Ländern. Warum haben Sie sich bei Ihren Forschungen für eine eher innerstaatliche Sicht entschieden?
Das lag ehrlich gesagt vor allem daran, wo wir die besten Daten haben. Mit dem Deutschen Sozio-oekonomischen Panel steht uns in Deutschland eine Erhebung zur Verfügung, die es in der Qualität in anderen Ländern nicht gibt.

Ihre Forschungen zeigen, dass Menschen unzufriedener werden, wenn die soziale Ungleichheit in ihrem Land zunimmt. Vergleichsweise kalt lässt es sie, wenn die Ungleichheit in ihrem Land höher ist als in einem anderen Land. Außerdem gewöhnen Sie sich recht schnell an Ungleichheit. Nun ist neben den USA Deutschland eines der Länder mit der höchsten sozialen Ungleichheit. Haben Sie dazu konkrete Zahlen parat?
Die Nettoeinkommen der reichsten 10 Prozent der deutschen Haushalte sind zuletzt 3,7-mal so hoch wie die der ärmsten 10 Prozent gewesen. 1981 war es noch 2,9-mal so viel. Das ist ein Anstieg der Ungleichheit. Aber zumindest in Bezug auf Einkommen sind die Unterschiede immer noch weniger hoch, als die meisten von uns denken.

Welche Auswirkungen hat die Ungleichheit auf die Zufriedenheit der Deutschen?
Erstaunlich geringe. Denn Menschen bekommen von dieser direkten Veränderung der Ungleichheit ja kaum etwas mit. Einen viel höheren Einfluss auf die Unzufriedenheit hat die Berichterstattung über Ungleichheit, denn das kriegen Menschen sehr wohl mit.

Ostdeutsche Haushalte besitzen im Schnitt weniger als die Hälfte des Vermögens westdeutscher Haushalte. Sind die Ostdeutschen wegen dieser Diskrepanz weniger glücklich als der Rest der Deutschen? Oder vergleichen sie sich eher mit ihrem persönlichen ostdeutschen Umfeld und sind wegen der dort geringeren sozialen Unterschiede glücklicher als der durchschnittliche Westdeutsche?

Ostdeutsche sind mit dem Leben insgesamt unzufriedener als Westdeutsche, wie die Daten zeigen. Diese Diskrepanz besteht jedoch selbst dann noch, wenn man die ökonomischen Daten herausrechnet. Ostdeutsche sind unabhängig von der wirtschaftlichen Lage unzufriedener. Tatsächlich ist die Ungleichheit in ostdeutschen Bundesländern ja weniger hoch als in den westdeutschen, weil es weniger sehr Reiche gibt. Unzufriedener als die Westdeutschen sind die Ostdeutschen trotzdem.

Vielen Dank für das Interview.

 

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