Vor dem Dorfgasthaus, Brandenburg, 1984, DDR. © Harald Hauswald / Ostkreuz

Die Ausstellung „Voll der Osten. Leben in der DDR“  will mit Fotos und erklärenden Texten den Alltag in der DDR zeigen. Dabei verhebt sie sich.

Der Fotograf Harald Hauswald und der Historiker Stefan Wolle buchstabieren die DDR durch – von A wie Abschied bis Z wie Zärtlichkeit. Die 18 Poster im Format A1 werden von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Fotoagentur Ostkreuz herausgegeben und sind für Schulen und Bildungsträger konzipiert. Jedes der Poster bietet ein größeres und fünf kleine Fotos sowie einen erklärenden Text. QR-Codes verlinken außerdem zu Videos mit kurzen Hauswald-Interviews.

Die Fotos, allesamt aus den Achtzigern, sind großartig und hätten ein größeres Format verdient. Müde Arbeiter in der U-Bahn, die Band Juckreiz bei einem Straßenfest, vom Winde verwehte Fahnenträger, ein abgeklärt posierendes Punker-Pärchen, eine heitere Bärbel Bohley.

Leider stehen diese Fotos nicht für sich, sondern in Erklärungen verpackt, die noch dem letzten Schüler klarmachen sollen, was für ein dreckiges ignorantes kleines Land diese DDR doch gewesen ist. Wolle, in der DDR wegen kritischer Äußerungen für ein Jahr vom Studium ausgeschlossen und heute Leiter eines DDR-Museums in Berlin, findet oft nur die schwarz-weißen Töne, die er dem DDR-Leben vorwirft. Die DDR wird bei ihm zu einem Staat, den die Mehrheit nicht liebte („Abschied“) und dessen „Höfe und Treppenhäuser grundsätzlich verdreckt“ sind („Ordnung“). Auch die U-Bahnfahrer sind nicht einfach nur müde, sondern fahren laut Bilderklärung „ausgelaugt von Diensteifer und Pflichterfüllung nach Hause“ („Traurigkeit“). “Eins in ihrer Sehnsucht nach Liebe und Glück“ sind „die Menschen“,  wenn sie eine Flasche bulgarischen Rotwein intus haben und beim 60:40-Dorftanz Alexandra aus Kiel von der Taiga singt („Sehnsucht“). Wenn Fußballfans für die Kamera posieren, dann „unter dem wachsamen Auge der Ordnungsmacht, deren Gummiknüppel am Koppel eine durchaus ernst gemeinte Drohung ist“.  Erinnert sich tatsächlich keiner mehr daran, dass die auf drei Jahre verpflichteten Bereitschaftspolizisten im Stadion oft mehr Angst vor den Fans hatten als umgekehrt? Namentlich erwähnt werden Wolf Biermann (auf gleich zwei Tafeln), Bärbel Bohley, Bettina Wegner, Peter Huchel, der italienische Kinderbuchautor Rodari („Gelsomino im Land der Lügner“), der Schlagersänger Perikles Fotopoulos, Alexandra, Gorbatschow, Marx, Engels.

Manchmal findet die Ausstellung zu Leichtigkeit und scheint sich selbst auf den Arm zu nehmen („Niemand weiß mehr von den wahren Sehnsüchten der Menschen als die Texter und Komponisten von Schlagern“), vielleicht im Bemühen, bei der jugendlichen Zielgruppe zu punkten. Die letzte Tafel, „Zärtlichkeit“, schließt mit den wohl versöhnlich gemeinten Worten, das Miteinander der Menschen habe ein würdevolles Überleben trotz aller Widrigkeiten ermöglicht „und es lässt das Leben im Osten rückblickend als wertvoll und wichtig erscheinen.“  Halleluja.

Die Ausstellung ist noch bis 1. März 2018 im Podewil in Berlin zu sehen. Wer weniger Ideologie bevorzugt, sollte aber vielleicht besser auf die Fotoausstellung im Haus am Kleistpark ausweichen.

Bundesstiftung Aufarbeitung
Auswahl von Ausstellungsfotos bei Tagesschau.de

 

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